· 

Warum Click für Blick oft schief geht

Verhalten schlimmer als vorher. durch Clickertraining.

Positive Verstärkung ist supertoll. Leider passiert es aber immer mal wieder, dass Hundehaltende mit allerbesten Absichten in das Training mit Clicker starten, um ein unerwünschtes Verhalten zu verändern und...scheitern  😭 

Dadurch ist das Training mit Markern oder generell mit positiver Verstärkung zur Verhaltensveränderung und vor allem bei Aggressionsverhalten total in Verruf geraten.

Schauen wir uns doch mal an, woran das liegt und ob die Kritik an dieser Trainingsmethode berechtigt ist.

Click für Blick - kurz und knapp erklärt

Disclaimer: Die grobe Umschreibung einzelner Teile der hier diskutierten Trainingsmethode ist weder vollständig noch eignet sie sich als Anleitung.

 

Click für Blick bedeutet, dass genau dann geclickt wird, wenn der Hund einen Auslöser wahrnimmt, welcher unerwünschtes Verhalten auslöst. 

Konkret könnte das so aussehen: Ein Hund zeigt bei Hundebegegnungen unerwünschtes Verhalten. Bei der Methode Click-für-Blick wird immer dann geclickt, wenn der Hund einen anderen Hund wahrnimmt oder anschaut und noch nicht reagiert.

Effekt #1

Die Idee dahinter ist so simpel wie genial: Durch den zuvor konditionierten Clicker (> Click = Keks, immer) soll die emotionale Bewertung der Hundebegegnung verändert werden. Hundesichtungen bedeuten dann nicht mehr schlechte Gefühle, sondern gute Gefühle. Das ist möglich, da der zuvor konditionierte Clicker eben langfristig nicht nur mit Keksen verknüpft ist, sondern auch emotional und in positiver Weise "aufgeladen" ist.

Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass unerwünschtes Verhalten durch unangenehme Gefühle, wie Angst, Unsicherheit, etc. entsteht. Clickere ich immer dann, wenn der Hund einen Auslöser für unangenehme Gefühle wahrnimmt, wird er diesen Auslöser irgendwann mit guten Gefühlen verknüpfen. 

Die Ursache für das unerwünschte Verhalten wäre damit behoben und eine darauffolgende Verhaltensveränderung möglich ohne nur das Symptom "unerwünschtes Verhalten" abzutrainieren.

Effekt #2

Der kluge Hund wird schnell kapieren, dass das bewusste Anschauen eines anderen Hundes einen Click bringt und damit die Verstärkung, den Keks. So kann das bewusste Auseinandersetzen mit einem Auslöser gefördert werden.

Damit kann das Erregungsniveau gesenkt werden. Denn der Hund wird zunehmend häufiger bereits frühzeitig den Click auslösen wollen, ergo einen anderen Hund anschauen. Und das noch in einem Erregungszustand der Mitdenken erlaubt und somit oft Eskalation und Nervenriss nach hinten schiebt.

Meiner Erfahrung nach ist das für viele Hunde das erste Mal, dass sie im Kontext von Hundebegegnungen keinen Kontrollverlust erleben, sondern wieder Einfluss auf diese Situationen nehmen können OHNE dafür in Konflikt mit der Bezugsperson oder der Umwelt zu geraten.

Effekt #3

Da es nach jedem Click einen Verstärker (den Keks) gibt, tut der Hund kurz was anderes. Der Keks kann auch genutzt werden, um den Hund dazu zu bringen, den Blick vom Auslöser zu lösen, sich sogar kurz abzuwenden. Darauf kann ein weiteres Alternativverhalten aufgebaut werden. Es ist auch möglich, den Keks durch einen anderen Verstärker zu ersetzen. Beispielsweise das Entfernen aus einer unangenehmen Situationen. (Insofern dies für den jeweiligen Hund im jeweiligen Kontext eine positive Verstärkung darstellt.)

der Mensch kann also ziemlich schnell Einfluss auf das Verhalten des Hundes nehmen und beide, Hund und Mensch, bleiben gemeinsam aktiv im Spiel.

Je nachdem, worum es geht, kann diese Methode aus Trainer:innensicht viele weitere, positive Effekte haben. So werden Hundehaltende darin geschult, die Körpersprache ihres Hundes genau zu beobachten und bisherige Interpretationen zu überdenken.

Das Wahrnehmen eines Auslösers zu clicken erfordert Kenntnisse zur Mimik und Körpersprache. Der Mensch wird ebenfalls "trainiert", lernt seinen Fokus auf andere Dinge als das unerwünschte Verhalten zu richten und wird frühzeitig aktiv.

 

Viele Hundehaltende deren Hunde unerwünschtes Verhalten zeigen, fühlen sich ohnmächtig und haben den Wunsch, wieder zu einem netteren Umgang mit ihrem Hund zu finden. Kein Wunder. Unerwünschtes Verhalten macht niemandem Spaß, stresst und konditioniert auch dem Mensch negative Gefühle an. Mit einer so interaktiven und motivierenden Methode arbeiten zu können, macht nicht nur Spaß, sondern gibt vielen Menschen Kontrolle über die Situation zurück.

 

Besonders schön finde ich auch, dass diese Methode die Möglichkeit bietet, dass der Hund das Trainingstempo mitbestimmt und Verhalten anbieten kann. Arbeite ich Gegensatz dazu überwiegend mit Kommandos (Ich könnte ja auch einfach das Kommando "Schau" geben, wenn mein Hund einen anderen Hund sieht), übergehe ich meist den inneren Konflikt "Ich will gehorsam sein und meine Belohnung für das Schaukommando aber GLEICHZEITIG auch den Auslöser anschauen". Das wäre kontraproduktiv und kann unter erhöhtem Stresslevel auch zu ganz besonders kreativen (und gerne auch mal blöden) Verhaltensideen führen. 

Ablenkung und Kommandos führen also nur bei kleineren Problemchen zum Erfolg, aber sicher nicht bei Verhaltensproblemen, mit denen man sich schon länger rumärgert.

Richtig angewandt entscheidet der Hund beim Click-für Blick selbst, wann er soweit ist, den Blick vom Auslöser abzuwenden. Ohne inneren Konflikt.

 

Geile Methode. Warum scheitern denn dann so viele Hund-Mensch-Teams?

 

Immer wieder konsultieren mich Hundehaltende und erzählen, dass sie in einer anderen Hundeschule Click-für-Blick praktiziert hätten und es ihnen nicht weiter geholfen, das Verhalten ihres Hundes noch schlimmer geworden sei oder, dass sie nun seit Monaten, teilweise Jahren einen immensen Aufwand betreiben und beispielsweise für jeden Spaziergang mit dem Auto auf ein einsames Feld fahren.

Genau deshalb:

Selbst Hundeprofis denken scheinbar häufig, dass das oben beschriebene Vorgehen "Click für Blick" ist. Wer davon erstmal begeistert ist, wendet die Methode exakt so (falsch) an und wird -nicht immer- aber sehr oft Hunde und Menschen in eine jahrelange Odyssee aus endlosen Clickersessions oder in die Arme eines "Hardliners" treiben. Hat ja nix gebracht, das ganze Positivgedöns, also wird jetzt draufgehauen. 

Wer weiß, dass zu "Click-für-Blick" mehr gehört, als den Hund für das Wahrnehmen von Auslösern zu keksen (dafür bräuchte man auch keinen Clicker), hat seine liebe Mühe, Hundehaltende zum gründlichen und gewissenhaften Trainieren zu überreden. 

Denn: Die positiven Effekte (Anfangs geht es oftmals richtig vorwärts) fühlen sich an, als hätte man das Problem in zwei, maximal vier Wochen gelöst. dafür braucht man ja jetzt kein Training mehr. man hat schon verstanden worum's geht. Und so clickern sie noch heute.

Gründe für's Scheitern mit Click-für-Blick

Halbe Sachen

Oftmals stagniert das Training beim oben beschriebenen Trainingsschritt: Hund schaut Auslöser an, wird geclickt, bekommt Keks, weiter geht's.

Manchmal wird wenigstens noch ein Schritt weiter trainiert: Dabei wartet man, bis der Hund den Auslöser anschaut, clickt aber entgegen der bisherigen Vorgehensweise nicht. Hat man vorher fleißig trainiert, wird der Hund irritiert zum Menschen schauen, nach dem Motto "Äh, warum clickst du nicht??!" Und genau dieser fragende Blick wird dann geclickt und ein Anzeigeverhalten geformt. 

Das KÖNNTE die Basis für die Methode "Zeigen & Benennen" sein.

 

 

Fällt dir was auf?

Richtig: Das kann's doch nicht gewesen sein?! Ist es aber leider häufig und somit bleiben Hund und Mensch in einer Dauerschleife hängen. Die Methode wurde überhaupt nicht niemals nie ordentlich von Anfang bis Ende trainiert. Viele Hundehaltende UND Hundetrainer:innen wissen selbst garnicht, wie wo und wann diese Methode ihr Endziel hat.

Trainiert man auf dieser Stufe irgendwie weiter, wird der Fokus immer auf die Suche nach Auslösern gerichtet bleiben, was ja oftmals nicht das Ziel ist. By the way ist es nicht förderlich für die mentale Gesundheit, wenn Herr Hund während der Spaziergänge immer mit einer Gehirnhälfte im Trainingsmodus bleibt. Vielmehr möchte man ja meist, dass der Hund langfristig neutrales Verhalten gegenüber "Problemverhaltensauslösern" zeigt oder einfach gechillt ist.

Gechillt, entspannt, ruhig....? Ach jaaaaa: Da waren ja noch die Gefühle 🤯.

Nichtbeachtung des Erregungslevels

Einer der häufigsten Fehler ist der ignorante Umgang mit der Gefühlswelt des Hundes. Egal bei welcher Methode. Wir richten unseren Blick auf das, was der Hund nicht mehr tun soll und wenn er das lässt, denken wir nur allzu leichtsinnig, wir hätten ein Problem gelöst. Spontane Erholung, Rückfall oder "die Nerven verloren" sind ein paar Beispiele , die uns schon längst eines Besseren belehrt haben sollten.

Aber konditioniert Click-für-Blick nicht gute Gefühle? Dann kann das doch hier nicht passieren?

Doch. Denn es geht nicht nur um "gute" Gefühle, sondern auch um Erregung. Trainiere ich mit meinem Hund in einer hohen Erregungslage, konditioniere ich genau das jedes Mal mit. Das muss ich unbedingt beachten. Ein hochmotivierter Hund, der freudig und ein bisschen hektisch jedes Leckerli annimmt, ist vermeintlich voller guter Gefühle, ist dabei aber die ganze Zeit auf einem hohen Erregungslevel. Ich werde es so niemals schaffen, dass mein Hund Neutralität, Ruhe und Gelassenheit mit dem Auslöser verknüpft. Oftmals liegt diesem Fehler ein weiterer Fehler zugrunde: Die menschliche Ungeduld.

Statt das Verknüpfen von Ruhe und Gelassenheit besonders gründlich zu trainieren, wird hier gepfuscht ("ich kann ja jetzt nicht ewig so Gassi gehen/trainieren") und das allerwichtigste Element des gesamten Trainingsweges übergangen.

Zu schnelle oder große Trainingsschritte

Was ein zu großer Trainingsschritt ist, kann individuell verschieden sein. Weshalb bei Problemverhalten eben auch eine professionelle und individuelle Anleitung oder eine sehr sichere Einschätzung des Hundeverhaltens, der Erregungslage, Einflussfaktoren etc. so wichtig ist.

Oft findet das Training viel zu schnell, viel zu dicht am Auslöser oder in zu hoher Erregung statt. Immer dran denken: Wir wollen nicht nur erwünschtes Verhalten, sondern meist vor allem RUHIGES Verhalten fördern.

Je nach Auslöser kann dieser an diversen Orten und in unterschiedlicher Ausprägung auftauchen. Dementsprechend braucht der Hund Zeit zum Generalisieren. Dass Click-für-Blick für alle Auftretensvarianten des Auslösers gilt, kann schon mal eine Weile dauern. Denke nur an die tausenden Varianten von Hundebegegnungen. Es reicht also nicht, zwei mal an der Hundewiese Hundesichtungen zu clickern und dann nochmal mit der Freundin und ihrem Collie zu üben. Je nachdem, wie lange dein Hund das jeweilige Problemverhalten bereits eingeübt, generalisiert und gefestigt hat, wird es eine Weile dauern, bis nachhaltige Erfolge einsetzen und eine wirkliche, innere Veränderung stattfindet. (Deshalb auch nie lange warten, bis du dir Hilfe holst).

Als Faustregel hört man oft: Hat dein Hund dreimal hintereinander einen Fehler gemacht, musst du die Übung leichter gestalten, also einen Schritt im Trainingsprozess zurückgehen. Bei Verhaltensveränderungen von problematischen Verhalten (welches für den Hund jedoch meist extrem lohnenswert oder extrem wichtig ist), sollte beim Training möglichst gar kein Fehler passieren. Ansonsten läufst du Gefahr, dass das Problemverhalten noch mehr gefestigt wird. Die sogenannte intermittierende Verstärkung spielt hier eine große Rolle. Weiter unten nochmal mehr dazu.*

Falsches Clickern

Click-für-Blick ist hier das Thema. Wie der Name bereits sagt, beinhaltet diese Methode eine weitere Methode: Das Clickern oder auch "Markern" genannt. Bevor Click-für-Blick möglichst fehlerfrei angewandt werden kann, muss also das korrekte Clickern gelernt werden.

Clickern ist zwar kein Hexenwerk und an sich schnell kapiert. Die praktische Anwendung hat dann aber doch so ihre Tücken, die man zumindest kennen sollte. 

Auch hier wieder: Falsche oder unvollständige Anleitungen durch Hundetrainer:innen sind hier keine Seltenheit. Genauso oft pflegen aber auch Hundehaltende einen sehr, sehr nachlässigen Umgang mit dem Erlernen, Üben und Anwenden der Methode. Damit wird dann natürlich auch der tollste Click-für-Blick-Trainingsplan bereits im Ansatz mit dem Arsch wieder eingerissen. Meistens ohne, dass die Beteiligten überhaupt einen Schimmer haben, warum.

Merke: Der Hund ist schnell konditioniert. Bis der Mensch richtig clickern kann, dauert es meist wesentlich länger.

Die Welt, das Leben, die Idioten und überhaupt  😭

Wie dir beim Lesen des Abschnitts "zu schnelle und große Trainingsschritte" vielleicht schon geschwant hat, kann man das Auftreten der meisten Auslöser ja nicht so schön "planen" und kontrollieren, Man hat mit seinem Hund ja auch noch einen Alltag zu bestreiten und kann nicht 24/7 an den Lernprozess des Hundes denken (Doch, muss man manchmal).

Das ist zwar kein spezielles Problem der Click-für-Blick-Methode und gilt für JEDE FORM der Verhaltensveränderung. Trotzdem ist diese Fehlerquelle gigantisch und kann leider nicht wegdiskutiert und erst recht nicht so einfach behoben werden.

Egal, für welche Methode du dich entscheidest. Wenn du ein bestimmtes Verhalten deines Hundes nachhaltig verändern möchtest, gehört dazu auch, dass dein Hund am besten nicht mehr das unerwünschte Verhalten zeigen kann. 

Das ist je nach Problemstellung fast unmöglich. Wieder das Beispiel Hundebegegnungen: Du wirst Hunden zu nahe kommen, Hunde werden euch zu nahe kommen, zu unerwartet, zu schnell, zu laut, wenn dein Hund gerade gar keinen guten Nerven hat oder du geträumt hast oder weil jemand meint, dass er oder sie es besser weiß, oder, oder. Dein Hund wird das unerwünschte Verhalten möglicherweise wieder zeigen, obwohl ihr schon weiter wart. However: Das ist scheiße. So oder so. 

Wird dann versucht in solchen Situationen, die vorhersehbar keine günstigen Trainingssituationen sind, trotzdem die Methode der Wahl anzuwenden und der Hund zeigt TROTZDEM (vorhersehbar) nicht das erwünschte, sondern das unerwünschte Verhalten...verstärkt das dieses umso mehr und verbrennt gleichzeitig langfristig die jeweilige Methode. (*Recherchiere "intermittierende Verstärkung", wenn dich das Thema interessiert).

Passiert das regelmäßig, weil planlos diverse Methoden unprofessionell ausprobiert werden und der Hund bei ihrer Anwendung immer wieder in das unerwünschte Verhalten rutscht, kann das schlimmstensfalls dazu führen, dass ein Hund für kaum eine Methode oder sogar gar kein Training mehr ansprechbar ist. Solche Hunde sind dann kaum noch oder garnicht mehr trainierbar. EGAL mit welcher Methode. Sie wurden regelrecht in Problemverhalten reinkonditioniert, bis auf fast jede Situation mit dem gleichen Verhalten reagiert wird.

 

Besser ist es dann, dass Training und Alltag für den Hund klar unterscheidbar gemacht oder voneinander getrennt werden. Besonders, wenn das Problemverhalten ausgeprägt und der Auslöser alltäglich ist. Das darf meiner Meinung nach nur eine zeitlich begrenzte Zwischenlösung sein, bis erste Verbesserungen erzielt wurden. Das klappt jedoch nur, wenn konsequent mitgearbeitet wird. Wie das aussehen kann, ist total individuell und kann mal mehr und mal weniger Aufwand bedeuten. 

Meist wird das zwar auch erklärt, aber aufgrund von Planlosigkeit nie wirklich darüber gesprochen, wie genau, wie lange das so durchgeführt werden soll (Die Menschen, die jahrelang für JEDEN Spaziergang "rausfahren"). Es ist also wichtig zu klären, welche Trainingsschritte in der Zwischenzeit ganz konkret erarbeitet und erfüllt werden müssen, damit diese Maßnahme wieder aufgehoben werden kann. 

Keinen Plan

Ohne genau zu wissen, was wann wie verstärkt wird, was das Trainingsziel ist, was die Zwischenziele und wie der aktuelle Trainingsschritt und alle weiteren aussehen sollen, endet es meistens im Chaos. Ein Trainingsplan? Hört sich nerdig an, bewahrheitet sich aber spätestens, wenn's ein wenig komplexer wird. Du oder wenigstens dein:e Trainer:in muss wissen wo die Reise hingeht und wie genau jeder einzelne Schritt dahin aussehen soll. 

Wenn keiner von euch das weiß und niemand einen Plan hat, wie soll dein Hund da nicht seinen eigenen Plänen folgen?

 

Hundetraining scheitert leider oft an Planlosigkeit, in der Mitte aufgeben oder aufhören, weil man garnicht so genau weiß, wie es jetzt weiter gehen könnte oder weil einem kein geeigneter Zwischenschritt einfällt.

Click-für-Blick hat diese Ursache für's Scheitern nicht gepachtet. Du brauchst IMMER einen Plan, wenn du mit deinem Hund auf irgendetwas hin arbeitest.

Tutto kompletti am Thema vorbei

Die Arbeitshypothese für die Methode Click-für-Blick ist: "Der Hund hat unangenehme Gefühle angesichts eines bestimmten Auslöser und daraus resultierend zeigt er unerwünschtes Verhalten."

 

Aber was, wenn Herr oder Frau Hund gar keine unangenehmen Gefühle hat und trotzdem unerwünschtes Verhalten zeigt? Tja. Schön blöd. Dann ist die ganze schöne Theorie kaputt.

 

Aus diesem Grund ist eine wirklich gründliche Anamnese so wichtig. Ich würde hier gerne von "erfahrenen Hundeprofis" schreiben, finde das aber unfair, da auch die noch unerfahrene Kollegin genau für deinen Hund einen sehr guten Blick haben kann und erfahrene Trainer:innen nicht selten auch mal zu routiniert über etwas "drüber" schauen und dabei etwas übersehen. Was definitiv hilfreich ist, um sich und den eigenen Hund vor einer Fehleinschätzung oder der unpassenden Methode zu schützen sind Hundeschulen, in denen methodenoffener gearbeitet wird. Auch eine Zweitmeinung und eine zweite gründliche Anamnese ohne direktes Training im Anschluss können hier echt eine große Hilfe sein. Außerdem muss immer bedacht werden, dass verhalten fluide ist, sich also stets verändert, anpasst und entwickelt. Eine zwei Monate alte Anamnese oder Einschätzung kann also schon nicht mehr aktuell sein.

 

Aber wenn Gefühle eh schon gut sind, dann können doch noch mehr gute Gefühle nicht schaden? Ja, aber....meist liegt die Ursache für das unerwünschte Verhalten dann woanders und die Methode Click-für-Blick passt dann einfach nicht und ist alleine nicht ausreichend.

 

Beispiel Hundebegegnungen: Es gibt Hunde, die haben Spaß am Pöbeln oder kloppen sich einfach gerne. Vielleicht vergleichbar mit U-Bahnschlägern.( Wir ersparen uns hier den Deepdive in die Psychologie und geben uns damit zufrieden, dass es mittlerweile spannende Untersuchungen zu dem Phänomen "Freude an Gewalt" gibt.) Hunde, die schon lange gelernt haben, dass Hundebegegnungen eine Spitzengelegenheit sind um sich zu profilieren, Dampf abzulassen, gute Gefühle zu machen und sich einen Hormonkick abzuholen. Man könnte auch flapsig sagen: Stressabbau durch fetten Stress.

Die regelrechte Sucht nach Eskalation kann übrigens auch wiederum ganz ursprünglich aus negativen Gefühlen wie Angst, Unsicherheit, Ohnmacht, Schmerzen, Frustration etc. entstanden sein. Ist die Eskalation die Lösung, um unangenehme Gefühle zu vermeiden und gute Gefühle zu bekommen, hat der Hund sein Problem bereits gelöst. Es ist also recht viel Überzeugungsarbeit zu leisten, wenn ein Hund jetzt eine andere "Lösung" präferieren soll.

In solchen Fällen ist ein reines auslöserbezogenes, doch recht primitives Training mit Click-für-Blick ganz sicher nicht ausreichend.

Das bedeutet nicht, dass Click-für-Blick dann garnicht empfehlenswert oder nicht anwendbar ist. Der Fokus auf diese Methode vernachlässigt dann aber so viele andere Bereiche, dass das weder dem Problemverhalten, noch dem Hund, noch dem Leidensdruck der Hundehaltenden gerecht wird.

 

Der Grund für das Scheitern für Click für Blick kann also auch sein, dass es an begleitenden Trainingsmaßnahmen und Übungen fehlt oder das Training komplett anders gewichtet werden müsste.

Es wurde dann nicht erkannt, dass Click für Blick für diesen Hund ein völlig uninteressantes Angebot ist. Ein bisschen wie Sand in die Wüste tragen. 

Alles nur Dressur, von Beziehung keine Spur 💔

Wer sich schon mal ernsthaft mit Markertraining oder Clickern befasst hat, kann die Begeisterung für die dem Click-für-Blick zugrundeliegende Arbeitsweise, das Markern, sicher nachvollziehen. Innerhalb kürzester Zeit hat man einen motivierten, aufmerksamen, arbeitsfreudigen, kooperativen, kreativen Hund produziert. Der Gedanke, dass man damit ja fast jedes Verhalten verändern, umformen und gestalten kann, liegt nahe. Das Scheitern aber leider auch UND: Wer seinen Hund durch einen Großteil seines Lebens durchclickert verhält sich (meiner Meinung nach) unfair.

Denn die soziale Komponente, der Faktor Beziehung, der Einfluss unseres eigenen Verhaltens, wird dabei (sehr bequem) ignoriert. Wie wir uns aber mit unserem Hund und gegenüber unserem Hund in guten und in weniger guten Zeiten, beispielsweise in Konfliktsituationen präsentieren, hat wiederum einen immensen Einfluss auf das Verhalten unseres Hundes. Auch dann, wenn du vielleicht denkst, dass beispielsweise das Bepöbeln anderer Hunde gaaaarnix damit zu tun haben kann, wie du dich im Alltag generell verhältst.

 

Ich möchte mich hier auf meine persönliche Meinung stützen und halte eine Balance von Training und Einüben der eher künstlichen, unnatürlichen aber erwünschten Verhaltensweisen und aufrichtiger Beziehungsarbeit und das soziale Auseinandersetzen mit dem Sozialpartner und Individuum für essentiell. Das gilt für die gesamte Bandbreite des sozialen Miteinanders, von Harmonie bis Konflikt.

 

Auch im Training verhalten wir uns und unser Hund auf sozialer Ebene zueinander und miteinander. Und im sozialen, alltäglichen Umgang verstärken und üben wir ohne es zu merken, unbewusst, intuitiv beiderseitig Verhaltensmuster ein und verstärken oder hemmen diese. Beide Bereiche können also nie voneinander getrennt werden.

 

Eine der Ursachen für einen Fail mit Click-für-Blick kann also auch sein, dass die Methode an sich richtig angewandt wurde, aber die vielen anderen Aspekte bezüglich des Hundeverhaltens und vor allem der Hund-Mensch-Beziehung und auch andere, soziale Bedürfnisse des Hundes nicht erkannt oder berücksichtigt werden.

 

 Bleiben wir beim Beispiel Hundebegegnungen und Click-für-Blick und befassen uns mit weiteren Faktoren, die das Verhalten des Hundes beeinflussen (können).

Was also tun, wenn

dein Hund wirklich keine Hundekontakte möchte (zu allen, manchen der einigen Hunden),

dein Hund sich einfach langweilt und mit dem unerwünschten Verhalten einfach mal ein bisschen Leben in die Bude kommt,

dein Hund immer wieder für ihn unangenehme Erlebnisse mit Hunden und/oder Hundebegegnungen hat,

du deinen Hund versehentlich immer wieder in Situationen bringst, obwohl er dir deutlich zeigt, dass er das nicht möchte,

dein Verhalten bei Hundebegegnungen oder deine Haltung gegenüber Hunden destruktiv ist,

dein Hund in anderen Situationen die Erfahrung macht, dass du keine guten Entscheidungen treffen kannst,

du dich gegenüber deinem Hund so verhältst, dass dieser den Eindruck hat, dass du ein Lappen und die unzuverlässigste Person unter der Sonne bist ("Nein, Neihein, Nein, Egal, dann komm halt hoch,...")

du dich noch nichtmal selbst abgrenzen kannst und er sich fragt, wie du denn dann ihn, geschweige denn euch beide abgrenzen willst,

du ihn eher in problematische Situationen bringst, anstatt ihm aus problematischen Situationen raus zu helfen,

die chronischen Schmerzen deines Hundes seit Jahren unbemerkt, ignoriert oder unbehandelt sind,

dein Hund für kein anderes Verhalten so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie für das unerwünschte,

dein Hund auf ganz andere Auslöser reagiert und beispielsweise die Hundebegegnung nur das Ventil ist,

dein Hund dir nix zutraut, dir nicht vertraut, dir schon lange nix mehr glaubt, weiß, dass er eh für alles toll gefunden wird, was er tut, 

dein Hund den ganzen Aufstand macht, weil er einfach gar keine Idee hat, was er sonst tun könnte, oder 

diese eine Situation eben der einzige Moment in seinem Leben ist, indem er mal kontra bekommt und einen Konflikt beginnen und beenden kann

und und und, oder oder oder

und du die ganze Zeit Click-für-Blick machst und dich wunderst, warum es nicht vorwärts geht?

 

Am Thema vorbei zu trainieren, nicht ganzheitlich zu arbeiten und neben vielen anderen Faktoren, die ebenfalls bearbeitet werden wollen, der Hund-Mensch-Beziehung nicht den nötigen Raum in der Verhaltensveränderung zu geben und den Hund nicht als Ganzes, in erster Linie als soziales Lebewesen mit arttypischen

aber auch rassebedingten und individuellen Bedürfnissen und Abneigungen zu sehen, ist ein sehr weit verbreiteter Fehler. Vor allem dann, wenn Trainer:innen

glauben oder zumindestens behaupten "die EINE Methode" gefunden, erfunden, entwickelt oder gepachtet zu haben.  🚩

 

Im Hundetraining gibt's kein "one fits all". Zum Glück. Das wäre ja totsterbenslangweilig.

Fazit

Eine Methode ist immer nur so gut, wie ihre Umsetzung. So simpel, wie sich Click-für-Blick erstmal anhört und so schnell man damit einen beeindruckenden, ersten Effekt erzielt, so schnell kann man damit auf die Nase fliegen oder wochenlang auf der Stelle treten. (Oder seinen Hund in den Wahnsinn treiben).

Viel zu oft, trainieren sich Hund und Mensch in 100 meter Abständen oder auf einsamen Wiesen einen Wolf, obwohl das garnicht nötig wäre. 

Viel zu oft rutschen Hunde wieder in altes Verhalten zurück, weil Fehler passieren. Das ist ok und gehört dazu. Blöd ist nur, wenn die Fehler systemimmanent sind und dauernd wiederholt -weil nicht mal bemerkt- werden.

 

Die Methode Click-für-Blick ist meiner Meinung nach trotzdem zu Unrecht in Verruf geraten. Besonders Trainer:innen, die gerne viel von Grenzen und Beziehung und Orientierung und FÜHRUNG reden und über die verrückten Positivler lästern, ohne deren Methoden überhaupt nur ansatzweise kognitiv umrissen zu haben, schießen gerne gegen den Einsatz des Clickers oder generell gegen das Markertraining.

 

Das ist schade, weil das Methodenvielfalt unnötig erschwert und dadurch ("Das ganze Geclicker und Keksen bringt nix/ist Quatsch/ist nur zum Tricktraining geeignet") oftmals eine fachlich falsche Definition und Umsetzung verbreitet wird. Man sollte das, was man ablehnt wenigstens kennen und verstanden haben, um sachliche Kritik daran üben zu können. 

 

Andererseits wird Click-für-Blick auch von ihren Fans leider oft falsch angewandt. Sei es durch auf diesem Gebiet mangelhaft ausgebildete Trainer:innen oder auch Hundehaltende, die nicht umfassend aufgeklärt wurden oder die es nicht interessiert, wie wichtig die richtige Umsetzung ist. Und leider wird diese Methode eben auch zu oft als Allheilmittel "verkauft": Die Hundehalter:innen wollen unbedingt eine nette Methode und sich nicht mit dem rosa Elefant beschäftigen, sie bekommen erstmal was in die Hand, das auch sofort irgendeinen Effekt macht. Man glaubt fest daran, dass man damit ja erstmal nix falsch, nix kaputt machen kann und hofft, dass es hilft, was es dann logischerweise oft nicht tut. 

 

Das macht mich sauer, weil die Hunde unter der Bequemlichkeit von Menschen und halbherzigem Training leiden.

 

Besonders fatal, wenn bei Hundehaltenden aus Misserfolg verständlicherweise Ungeduld und Verzweiflung wird. Aus Frust wird dann manchmal jede Form der positiven Verstärkung abgelehnt wird. Auch das habe ich leider schon erlebt. Nach dem Motto: "Da hilft nur noch die harte Tour". Wie dramatisch und schlimm, wenn solche Entscheidungen wegen technischer Fehler, mangelhafter Umsetzung oder manchmal auch schlicht Bequemlichkeit getroffen werden. 

 

Richtig angewandt -und am besten eingebettet in ein ganzheitliches Trainingskonzept, dem eine solide Anamnese und Verhaltenseinschätzung zugrunde liegt- ist die Methode Click-für-Blick meiner Erfahrung nach ein wertvolles Tool von vielen.

Besonders bei der Modifizierung von problematischen Verhalten im Zusammenhang mit Angst, Unsicherheit, Frustration, impulsiven Verhalten, bei Aggressivität und auch, um die Hundehalter:innen selbst zu schulen und deren Emotionen und Verhalten zu verändern, kann es erfolgreich angewandt werden. Es ist nicht die Allzweckwaffe, als die sie oft verkauft wird. Als Trainer:innen sollten wir sie unabhängig von persönlicher Haltung und Trainingsphilosophie aber wenigstens wirklich verstanden haben und die korrekte Anwendung kennen. Nur so ist auch sachliche und konstruktive Kritik möglich und es hilft auch dabei zu verstehen, weshalb ein vorheriges Training vielleicht nicht geklappt hat.

Das ist aber nochmal eine ganz andere Geschichte.

 

Bis bald, deine

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Alex (Dienstag, 21 November 2023 19:37)

    Du erwähnst 'Zeigen und Benennen' im Artikel. Ist das dasselbe wie Click für Blick?

  • #2

    Mela von RehabiliTiere (Mittwoch, 22 November 2023 10:06)

    Nein, das sind zwei unterschiedliche Übungen.
    Zeigen und Benennen kann aber über Click für Blick aufgebaut werden.

Hundeprofi, Hundetrainer, Ausbildung, Einzeltraining, Mela Hirse

Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.   Weitere Informationen