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Was passiert, wenn du unberechenbar bist

Als Studentin tut man ja so einiges, um den eigenen Bauch und den Napf des Hundes zu füllen.

Ich entschied mich für’s Kellnern, denn damals (damals …) galt die eiserne Regel „Nur Bares ist Wahres“.

In einem der Restaurants, in welchen ich arbeitete, wurde besonderen Wert auf ein hübsches Ambiente gelegt: Es gab Stoffservietten, poliertes Silberbesteck und selbstverständlich wurde den Gästen zu jeder Bestellung Brot gereicht.

Die Tische sollten eingedeckt werden, bevor überhaupt ein Gast das Restaurant betrat. 

Eine Woche später gab es eine Veränderung: Nun sollte zwar immer noch eingedeckt werden, das Besteck wurde nun in den Brotkörben arrangiert und nicht mehr direkt auf den Tisch gelegt. 

Als ich das nächste Mal meine Schicht antrat, setzte ich die neue Regel um. Dem Chef gefiel der „neue Style“ (klar, er hatte sich das ja schließlich ausgedacht), weil er dem Restaurant ein hochwertiges und gleichzeitig lässiges Ambiente verlieh.

Der nächste Abend stand vor der Tür und meine Kolleginnen und ich stellten Brotkörbchen & Besteck auf die Holztische. Der Restaurant-Chef betrat den Gastraum und brüllte uns an, dass wir hier keine Apfelweinwirtschaft wären und gefälligst ordentlich eingedeckt wird, statt das Besteck zum Brot zu legen. 

Einigermaßen verdattert wurde nachgebessert. 

So passierte es immer wieder, bis uns irgendwann klar war: Jede Schicht in diesem Restaurant begann mit einer Art Glücksspiel: Hatten wir die letzte Ansage des Chefs richtig umgesetzt oder womöglich den Geschmack getroffen? Hatte sich etwas geändert ohne, dass wir davon wussten? Wer war auf dem neuesten Stand bezüglich der Vorlieben? Sollte das Besteck heute Abend auf den Tisch, ins Brotkörbchen oder NIRGENDWOHIN, SOLANGE DA KEINER SITZT UND DAS MENÜ BESTELLT ODER BRAUCHT MAN FÜR EIN GLAS WEIN ETWA EINE STOFFSERVIETTE?????

Irgendwie spielte sich das Ganze ein: Wer mit dem rauen Ton und den unberechenbaren Ansagen nicht zurecht kam wechselte so schnell wie möglich den Arbeitgeber, während ein harter Kern zurück blieb. Der „harte Kern“ machte es sich zur Angewohnheit, die Ausraster des Chefs zu ignorieren, mit Humor zu nehmen, manchmal sogar bewusst zu provozieren oder entwickelte den wagemutigen Ehrgeiz, die jeweiligen Wünsche richtig zu orakeln.

So wirklich ernst nahmen wir unseren Chef jedenfalls nicht und jeder fand seine Art damit umzugehen.

 

Was das mit Hundeerziehung zu tun hat?

Viel. Schaut man sich diese Geschichte genauer an, wird deutlich, wie unterschiedlich soziale Lebewesen mit unberechenbarem Verhalten umgehen: Die Einen verpieseln sich auf schnellstem Weg: Abstand halten, nur weg hier. Das könnte man auch als Meideverhalten bezeichnen.

Und das kennen wir auch aus der Hundewelt: Unangenehme Gefühle, Konflikte oder unberechenbare Angriffe vermeidet man am effektivsten, indem man so viel Abstand hält, wie nur möglich. 

Meideverhalten kann man beispielsweise bei Hunden beobachten, die das Laufen an der Leine oder neben ihrem Menschen als unangenehm empfinden und die stets versuchen, den größtmöglichen Abstand zu dem Menschen zu halten, welcher die Leine hält. Das tun sie, obwohl es schmerzhaft ist, den dauernden Zug zu spüren. Sie nehmen den Zug in Kauf, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Menschen zu bringen.

Die Kolleg*innen, die das Restaurant schnell wieder verließen, zogen Meideverhalten dem guten Gehalt und großzügigen Trinkgeldern und die Anstellung  in einem hippen Restaurant vor.

Dann gab es eine weitere Gruppe: Den harten Kern.

Auch, wenn unsere Motivationen, weiterhin in diesem Restaurant zu arbeiten, ganz unterschiedlich waren, hatte wir alle etwas gemeinsam: Die Änderungswünsche des Chefs nahmen wir schnell nicht mehr für voll. Keiner von uns nahm Ansagen besonders ernst oder versuchte auch nur, sich diese zu merken. Schließlich hatten wir immer wieder erlebt, dass die Regeln von heute, morgen schon ganz andere waren und es nicht lohnte, an dieser Stelle besonders aufmerksam zu sein.

Wir fragten selten nach, was und wie wir etwas zu tun hatten, sondern schauten einfach, was die anderen taten und schätzten, was zu tun war. 

Manchmal wehrte sich jemand gegen den unfairen Umgang und einige Male flog die Schürze kurzerhand hinter den Tresen. Manchmal gab es auch Tränen. Die Stoiker unter den Kellner*innen zogen einfach ihre Schicht durch.

In den seltensten Fällen wird ein Hund wohl theatralisch das Halsband in den Flur pfeffern und dir beim Rausgehen zurufen, dass du dir dein Leckerli sonst wohin stecken kannst. Dein Hund muss bleiben und in deinem Leben, mit deinen wechselnden Ansagen klar kommen.

Wie dein Hund damit zurecht kommt, wenn du immer wieder Regeln änderst, ist so unterschiedlich wie bei uns Menschen: Es gibt die Gleichmütigen, die Robusten, die Aufbegehrer, die Streithähne, die Unsicheren, die Resignierenden und die Heulsusen. Doch was ist, wenn dein Hund eher der Typ ist, der sich-wenn er denn könnte- einer solchen Situation eher entziehen würde? Um beim Beispiel meiner sagenhaften Kellnerkarriere zu bleiben: Die Kündigung einreichen würde? 

Wie muss sich das wohl anfühlen, wenn man Konflikten aus dem Weg gehen möchte und noch viel schlechter mit dauernd wechselnden Regeln zurecht kommt, als der Durchschnitt, aber nicht weg kann?

Sicher warst du auch schon einmal in vergleichbaren Situationen and hast selbst erlebt, dass man ab einem gewissen Punkt Kommunikation und Kooperation einstellt oder zumindestens deutlich reduziert. Wenn es nicht vorhersehbar ist, welche Leistung (welches Verhalten) heute erwünscht und morgen doch wieder unerwünscht, ausreichend oder ungenügend ist, macht es keinen Sinn, sich anzustrengen. Ganz im Gegenteil: Man geht entweder auf Angriff und wehrt sich gegen die ungerechte Behandlung oder man zieht sich zurück, resigniert und verhält sich möglichst unauffällig, während man das Beste für sich rausholt.

Es ist also garnicht so verwunderlich, weshalb Hunde selbst solche Strukturen vorziehen, die wir als zu streng empfinden. Bestimmt kennst du auch diesen einen Typen, der mit seinem Hund immer eine Spur zu ruppig (ruppig - nicht unfair) umgeht und der trotzdem inniglich geliebt und angehimmelt wird. 

Nichts ist schlimmer als Unberechenbarkeit. Denn das bedeutet, dass man immer auf der Hut sein muss, immer abtesten, immer beobachten, immer abschätzen und abwägen: Welches Verhalten bringt mir den kleinsten Ärger oder den größten Vorteil ein?

Ist es nicht viel entspannter, wenn man weiß, das Besteck muss orthogonal zur Tischkante im exakten Abstand von 2 Zentimetern ausgerichtet werden und das immer? So bescheuert man das auch findet? Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, denkt bald garnicht mehr darüber nach und befolgt die Regel vielleicht sogar gerne. Denn man kann sich darauf verlassen: Macht man es so, ist man auf der sicheren Seite und erhält dafür vielleicht sogar regelmäßig Anerkennung oder Lob. 

 

Die sichere Seite

Besonders unsichere Hunde fühlen sich mit Regeln wohl. Ihr Bedürfnis nach Zuverlässigkeit und Sicherheit wird gedeckt und sie können selbst Einfluss darauf nehmen, da sie genau wissen, welches Verhalten ihnen Vorteile und dem harmoniedürftigen Lebewesen Hund die Gewissheit verspricht: Keine Konflikte.

Auch hibbelige Hunde, denen es schwer fällt zur Ruhe zu kommen oder Hunde, die so viele lustige Ideen haben, dass sie immer aufgedrehter werden, während sie ausprobieren, was heute „State of Art“ ist, profitieren von einem roten Faden. 

Kreativität ist etwas wundervolles. Besonders bei Hunden. Aber es kann auch anstrengend sein, wenn man dauernd kreativ sein muss und der Ausgang einer jeden Situation ungewiss.

 

Mein Aha

Auch wenn ich mir manchmal nicht ganz sicher bin: Aktueller Stand der Wissenschaft ist, dass Hunde nicht lästernd auf der Hundewiese kichern und sich über uns lustig machen, weil wir so inkonsequente Lappen sind. Sie stehen also (im Vergleich zu mir, während meines Kellnerjobs) meist ziemlich alleine da, wenn sie täglich neu herausfinden müssen, ob sie heute aus der Tür stürzen dürfen und Frauchen über die putzige Ungeduld lacht oder ob heute einer dieser Tage ist, an denen man grob an der Leine zurückgerissen wird, weil… Ja, weil heute einfach mal die Stimmung nicht so gut ist, es jetzt doch mal nervt oder man in irgendeinem Blogartikel gelesen hat, dass man das seinem Hund nicht erlauben soll. 

Langfristig wird der Gassistart zum Stressfaktor, noch bevor man an der Tür ist. Der Hund ist damit beschäftigt, die Stimmung abzustesten, herauszufinden, welches Verhalten heute lohnenswert ist und trifft vor lauter Aufregung schlimmstenfalls die falsche Entscheidung. Womöglich ist der Hund sogar schon über diesen Punkt hinaus und nimmt die ohnehin unberechenbaren Konsequenzen durch seinen Menschen billigend und als gegeben in Kauf und drängelt grundsätzlich aus der Tür. Dann geht’s wenigstens schnell los. Soviel ist sicher.

Vermenschlichung: Was haben Kellnerjobs mit Hunden zu tun!?

Es ist schon komisch: An mancher Stelle werden Hunde krass vermenschlicht. Wenn es aber darum geht, sich einmal in das Lernverhalten des Hundes empathisch hineinzudenken, hört es bei vielen Hundehalter*innen auf. Dabei finde ich, dass Vergleiche zum eigenen Lernverhalten hier besonders helfen, dem Hund ein fairer Partner zu sein. Viele Dinge, die wir von unserem Hund erwarten, kann er einfach nicht verstehen, wenn wir ihm dazu so unterschiedliches Feedback geben. Wir kommen mit einer solchen Lern- oder sogar Lebensumgebung genauso schlecht zurecht.

Es mag sich kurz gut anfühlen, wenn man den Hund ungefragt auf die Couch hüpfen lässt. Für den Hund fühlt es sich vermutlich schmerzhaft verwirrend an, wenn man das nächste Mal ausflippt. Dabei war die Situation doch genauso wie gestern. Ok, außer die Pfoten. Die waren möglicherweise ein bisschen nass und eventuell, unter Umständen sehr schmutzig. Aber woher soll Hund wissen, welche seltsamen Parameter wir anlegen und dass er diesmal hätte „fragen“ sollen? Ist es so sehr umständlich, auch und besonders an den guten Tagen darauf zu achten, dass der Hund nicht ungefragt auf Möbelstücke springt, wenn man nicht möchte, dass er das dann verdreckt genauso tut?

Konsequenz und nachvollziehbare Regeln machen das Leben leichter. Das muss ja nicht bedeuten, dass das Leben hauptsächlich aus Verboten besteht. Ganz im Gegenteil: Je klarer du mit deinem Hund umgehst, umso freudiger und kooperativer wird er sich an dir orientieren und Alleingänge werden seltener.

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