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Können Hunde ein schlechtes Gewissen haben

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Um ein schlechtes Gewissen zu haben, muss man ein Moralempfinden haben. Lange ging man davon aus, dass Hund kein Verständnis von gut und böse haben. Dies wird , nach unseren Maßstäben, ziemlich sicher auch der Fall sein. Da Hunde aber sehr soziale Tiere sind, kann es möglich sein, dass Hunde durchaus in der Lage sind eine gewisse "hündische Moral" zu empfinden oder zu bilden. Diese ist aber weit entfernt von unseren Vorstellungen: Ein Hund wird niemals verstehen, weshalb es "böse" sein sollte, eine Vase umzuwerfen oder welche Möbelstücke besonders wertvoll sind und es "böse" wäre, diese zu zerstören.

Aber natürlich können Hunde lernen, dass es "verboten" ist oder Konflikte nach sich zieht, wenn besagte Möbelstücke beschädigt werden.

Die Frage ist: Wie lange hält das an? Um es ganz simpel auszudrücken: Kommt ein Hund in eine neue Umgebung, neigt er dazu die Objekte zu erkunden und möglicherweise auf diesen herumzukauen. Besonders, wenn es sich um einen jungen Hund handelt. Tadeln wir ihn nun jedes mal, wenn wir ihn dabei erwischen, wird er das Ankauen während unserer Anwesenheit bald unterlassen und sich im besten Fall eine andere Beschäftigung suchen oder sogar an ein gewisses Maß an Langeweile gewöhnen. Das bedeutet, dass die meisten Hunde dann auch unbeaufsichtigt nicht mehr an Möbeln herumkauen, da sie kein Bedürfnis haben, etwas zu erkunden, durch Kauen Aufregung oder Frust abzubauen oder Ähnliches. Der Mensch hat es also geschafft, das Ankauen von Möbeln zu einem nicht-lohnenswerten Verhalten für den Hund zu machen oder andere Verhaltensweisen als lohnenswerter zu etablieren. Das könnte so etwas wie ein Kauspielzeug* sein.

Es ist also definitiv nicht der Fall, dass der brave Hund das Inventar in Ruhe lässt, weil er weiß, dass das "böse" ist. Es lohnt sich einfach nicht für ihn und er hat auch keinen anderen Grund, sich mit Tapete, Sofakissen oder Tischbein oder den Lieblingsschuhen zu befassen.

Doch wie ist es bei den Hunden, die doch etwas zerstören? Offensichtlich gab es einen guten Grund für ihr Verhalten und möglicherweise -aufgrund unserer Abwesenheit- auch keine Veranlassung mit einer Strafe zu rechnen.

Wenn Mensch nun nichtsahnend nach Hause kommt, das zerfetzte Lieblingsshirt oder den ausgeräumten Mülleimer erblickt, verhalten sich viele Hunde so, als hätten sie scheinbar ein schlechtes Gewissen. Doch was genau macht, dass das so aussieht?

Beobachtungs-Genies

Hunde zeigen sogenannte "Calming-Signals*":

  • Über Nase und Lefzen lecken,
  • Gähnen,
  • Blinzeln,
  • Kopf abwenden usw.

Mit diesen Beschwichtigungssignalen, oder besser: beruhigenden Signalen, versuchen Hunde ihr gegenüber, also uns, aber auch sich selbst "zu beruhigen oder zu beschwichtigen.

Da Hunde gelernt haben, dass wir ihre feineren Signale häufig ignorieren, weil wir sie garnicht bemerken, zeigen Hunde sogar oftmals übertriebene Körpersignale, wie:

  • Kleinmachen, 
  • Kriechen,
  • auf den Rücken Drehen
  • Ablecken unseres Gesichts, usw.

Ok, Hunde zeigen Beschwichtigungssignale, wenn ihr Mensch nach Hause kommt und bemerkt, dass sie etwas zerstört haben oder irgendetwas anderes getan haben, dass sie nicht dürfen. Das bedeutet doch, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, oder?

Weiß der Hund, dass er etwas Verbotenes getan hat?

Nein, der Hund hat in diesem Moment kein schlechtes Gewissen, weil er etwas Verbotenes gemacht hat. Er hat einfach nur erkannt, dass sich unsere Gefühle verändert haben. Meist kurzfristig zum Negativen. Jedenfalls, wenn der Hund etwas kaputt gemacht hat oder in die Wohnung gepinkelt oder gekackt hat. Und selbst wenn du denkst, dass du dich absolut neutral verhältst und dir nichts anmerken lässt: Dein Hund kennt deine Mimik und erfasst den Ernst deiner Gefühlslage (und seiner eigenen Lage) schneller als dir lieb ist. Nämlich in Sekundenbruchteilen.

Wenn man garnicht weiß ob was passiert ist

Kommen wir zum nächsten, absolut berechtigten Einwand: Schön und gut. Wir haben nun akzeptiert, dass es möglicherweise sein könnte, dass unser Vierbeiner beim Nachhausekommen auf marginale Veränderungen unserer Stimmung reagiert (wenn wir bemerken, dass etwas nicht stimmt, oder kaputt gemacht wurde) und aus diesem Grund beschwichtigendes Verhalten zeigt, um uns wieder gut drauf zu bringen oder zu beruhigen und nicht, weil er ein schlechtes Gewissen hat. Übrigens reicht hier meist auch schon unser prüfender Blick oder ein Anflug von Anspannung im Gesicht, der soviel sagt wie: "Mal sehen, ob er was kaputt gemacht hat".

 

Aber wie ist es, wenn Frauchen heimkommt und noch garnicht weiß, dass 4 paar Schuhe geschreddert wurden und der Inhalt der gesamten Sporttasche in winzig kleinen Konfettistückchen im Badezimmer verteilt ist und auch vollkommen nichtsahnend und fröhlich die Tür öffnet....und der Hund dennoch auf den Brustwarzen angekrochen kommt? Dann muss er ja wohl ein schlechtes Gewissen haben!!! Schließlich kann nur er wissen, dass er heute nur eins ist: SCHULDIG!

Auch in diesem Fall: Nein!

Lass uns das Ganze noch etwas genauer beleuchten.

Dem vermeintlich schuldbewussten Verhalten des Hundes liegt vermutlich folgende Lernerfahrung zugrunde: Bestimmte herumliegende Objekte oder auch ein Häufchen oder Urin UND die gleichzeitige Anwesenheit des Menschen ziehen schlechte Stimmung, Wut oder sogar eine Strafe durch den Menschen nach sich.

Ergo: Der Hund zeigt Beschwichtigungsverhalten, sobald der Mensch auf der Bildfläche erscheint. Jedoch nicht etwa, weil er sich schuldig fühlt oder ein schlechtes Gewissen hat , sondern schlicht, um die schlechte Stimmung oder Strafe durch den Menschen abzuwenden oder zu dämpfen.

Den Beweis erbrachte eine Studie zum "guilty look" des Hundes, durch Alexandra Horowitz vom Barnard College. 

Guilty Look Studie

Für die Untersuchung wurden Besitzer mit ihrem Hund in einen Raum geschickt. Dort lag Futter und der Mensch sollte seinem Hund das Fressen des Futters verbieten und danach den Raum verlassen. 

Der Hund wurde videoüberwacht, so konnte das Forscherteam die ganze Zeit beobachten, was der Hund tut. Einige Hunde fraßen das ausgelegte Futter, andere nicht.

Dann wurde den Hundehaltern erzählt, ob ihr Hund an das Futter gegangen war oder nicht und sie durften zurück in den Raum, zu ihrem Hund. Die Hunde, welche "ungehorsam" waren, verhielten sich so, wie ihre Hundehalter dies aus vergleichbaren Alltagssituationen mit ihnen kannten. 

Aber: Den Besitzern wurde nicht immer die Wahrheit über das Verhalten ihres Hundes erzählt und so kehrten einige Menschen zu ihrem Hund zurück und dachten, dass dieser nicht brav gewesen war und das Futter gefressen hatte, obwohl dieser unschuldig war. Die unschuldigen Hunde verhielten sich dennoch so, als wären sie tatsächlich nicht brav gewesen.

Der Clou: Einigen Hundehaltern wurde erzählt, dass ihre Hunde super brav waren und das Futter nicht berührt oder gar gefressen hätten. Dabei hatten ihre Hunde sich in ihrer Abwesenheit sofort über das Futter hergemacht. Wie verhielten sich wohl die Hunde dieser Hundehalter? Sie freuten sich über das Wiedersehen oder verhielten sich neutral.

So konnte gezeigt werden, wie stark das Verhalten oder auch nur die Gedanken des Menschen bei der Reaktion des Hundes Einfluss nehmen. Selbst, wenn der jeweilige Mensch das garnicht möchte oder versucht, seine Emotionen zu überdecken.

Die Rolle der Unterordnung

Eine weitere Erkenntnis konnte gewonnen werden, ohne dass dies beabsichtigt gewesen wäre: Diejenigen Hunde, welche mithilfe von Unterordnungstraining und oder Obedience trainiert wurden, zeigten sich generell "schuldbewusster", wenn sie einem verärgerten Besitzer gegenüber standen oder die Situation nur schwer einschätzbar war. Man nimmt an, dass diese Hunde gelernt hatten, dass es für sie besonders wichtig ist, auf Hinweise im Verhalten ihrer Besitzer zu achten, die auf eine Strafe hindeuten könnten und diese erlernt hatten, stark ritualisierte Unterwürfigkeitsgesten zu zeigen.

Ich finde, diese Ergebnisse regen zum Nachdenken kann und sind eine gute Ausgangslage um den Umgang mit dem eigenen Hund zu hinterfragen und möglicherweise anzupassen.

Andererseits aber auch zu akzeptieren, dass man sich vor einem Hund nicht verstellen kann.

Alexandra Horowitz folgerte: "What the guilty look may be, is a look of fearful anticipation of punishment by the owner", der schuldbewusste Blick und das vermeintlich schlechte Gewissen des Hundes, ist die Erwartung einer Bestrafung durch den Hundehalter. Bedenke hierbei, dass auch negative Emotionen, Wut, Frust, Enttäuschung oder innerliche Distanz wie eine Strafe wirken können. Besonders bei sensiblen Hunden. 

Erlernte Konsequenzen

Die gezeigten Beschwichtigungssignale, aktive Unterwerfung oder Zeichen der Angst stehen also nicht im Zusammenhang mit der Zerstörung oder auch dem Häufchen machen oder Urinieren, also der Tat an sich, sondern mit der Bestrafung durch den Besitzer in ähnlichen Situationen in der Vergangenheit.

Dein Hund kann also sehr sicher keinen Bezug zwischen einer bestimmten, länger zurückligenden Tat und deiner Reaktion oder deinem Ärger herstellen. Wie sollte er diese auch von anderen taten unterscheiden?

Der angeblich schuldbewusste Hunde, versucht lediglich dich milde zu stimmen oder Strafe abzuwenden, weil er entweder gelernt hat, dass:

  1. eine bestimmte Auffindesituation (herumliegende Objekte, Kot, Urin, Fetzen am Boden usw.) und das Hinzukommen des Menschen etwas Unangenehmes nach sich zieht (schlechte Stimmung, Strafe,..) oder
  2. am Ausdrucksverhalten (auch unbewusstes) des Menschen emotionale Veränderungen abliest und sein Verhalten entsprechend anpasst.

Hunde, die immer wieder zu Unrecht oder für den Hund nicht nachvollziehbar oder überzogen gescholten, bestraft oder überbordender Wut ausgesetzt sind, können kein gesundes Selbstvertrauen entwickeln und reagieren auch in anderen Situationen häufig unterwürfig, ängstlich oder panisch, manchmal sogar resignativ.

 

Der häufige Irrglaube, der Hund fühlt sich schuldig oder habe ein schlechtes Gewissen führt auf eine falsche Fährte und zieht leider meist destruktive Maßnahmen nach sich, welche die Hund-Mensch-Beziehung an sich nachhaltig schädigen.

Hunde können aber vermutlich trotzdem ein schlechtes Gewissen haben

Um dich jetzt vollends zu verwirren, kommt jetzt das Beste: Forscher gehen davon aus, dass Hunde aber dennoch zu so komplizierten Gefühlen wie Eifersucht, Sorge, Wut oder schlechtem Gewissen fähig sind. Jedenfalls deuten immer mehr Untersuchungen daraufhin, dass bei Hunden ähnliche Hirnareale aktiv sind wie bei uns. Brian Hare vom Max-Planck-Institut in Leipzig sagt, dass die sozial-kognitiven Fähigkeiten der Hunde mit denen des Menschen immer mehr verschmelzen.

Beispielsweise haben Hunde immer weniger Mimik, dafür aber immer mehr differenzierte Formen der Lautäußerungen. Manche Rassen bis zu 12 verschiedene!

Auch Friederike Range von der Uni Wien plädiert dafür, endlich anzuerkennen, dass Hunde zu wesentlich mehr Emotionen fähig sind, als wir bisher angenommen haben, diese aber nicht mit unseren menschlichen Empfindungen und Maßstäben bewerten sollten.

 

Wichtig für uns ist jedoch: Diese "komplizierten, sogenannte "sekundäre" Gefühle spielen sich bei Hunden nach vollkommen anderen Kriterien ab und sicher nicht danach, weshalb es bei uns Menschen moralisch verwerflich ist, besonders teure Gegenstände zu zerstören oder ein Loch in die Tür zu kratzen. Jeder schlaue Hund wäre auf diese Leistung vermutlich ziemlich stolz. In seiner Welt macht es richtig viel Sinn einen Ausgang aus einer verschlossene Höhle zu finden und notfalls selbst einen zu graben. Übrigens: Auch Stolz ist eines der sogenannten sekundären Gefühle, die Hunde ziemlich sicher haben können. Aber eben in ihrer Welt. Nicht in unserer.

Trennungsstress?

Hat dein Hund Probleme mit dem Alleinsein und zerstört dabei auch regelmäßig Dinge? In diesem Blogartikel erfährst du mehr über das Thema Trennungsstress und über den Button unten erreichst du mich auch persönlich.

 

Viele Grüße,

deine


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Kommentare: 4
  • #1

    Sabina (Freitag, 17 Januar 2020)

    Toll geschriebener Beitrag - sehr, sehr interessant!

  • #2

    Vierbeiner (Freitag, 17 Januar 2020 09:49)

    Sehr interessant! Vielen Dank für den informativer Artikel

  • #3

    Nulla (Montag, 23 März 2020 12:48)

    Danke für den Beitrag. Ich habe gerade recht lange im Internet zum " Schlechten Gewissen bei Hunden" recherchiert. Dein Beitrag ist spitze.

  • #4

    Mela von RehabiliTiere (Montag, 23 März 2020 15:35)

    Hi,
    Danke für dein Feedback :-)
    Viele Grüße,
    Mela

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