Was sind Beißgrade?
Es gibt verschiedenen Skalen, die entwickelt wurden um die Schwere von Bissverletzungen einzuteilen. Dabei wird vor allem zwischen verhaltensbezogenen Bissskalen und medizinischen Verletzungsskalen unterschieden. Eine bekannte Einteilung ist die Bissskala nach Ian Dunbar mit sechs Graden. Sie beschreibt den Zahnkontakt und die entstandenen Verletzungen, vor allem bei Bissen gegen Menschen.
| Einteilung | Anwendungsbereich | Besonderheit |
|---|---|---|
| Ian Dunbar | Vor allem Bisse gegen Menschen | Sechs Grade, anhand von Zahnkontakt, Einstichtiefe und mehreren schweren Bissen. |
| Cara Shannon: Hund–Mensch | Bisse gegen Menschen | Acht Stufen, 0–7. Berücksichtigt zusätzlich den Bissablauf, etwa sofortiges Loslassen, Festhalten, Quetschen und Schütteln. |
| Cara Shannon: Hund–Hund | Bisse zwischen Hunden | Eigene Einteilung mit sieben Stufen, 0–6. Bezieht auch schwere innere Verletzungen bei geringen äußeren Wunden ein. |
| Lackmann | Medizinische Bewertung von Bissverletzungen im Gesicht | Unterscheidet nach betroffenen Gewebestrukturen und Gewebeverlust; ursprünglich für kindliche Gesichtsverletzungen entwickelt. |
Schaut man sich die wissenschaftliche Einteilung genauer an, ist leicht zu verstehen, weshalb HundetrainerInnen gerne mal allergisch auf Umschreibungen wie „Schnappen“, „Knappsen“ oder „Zwicken“ reagieren. Solche Umschreibungen dienen in erster Linie der Verharmlosung von Verhaltensweisen, die ernstgenommen werden sollten. Denn nur so ist eine sachliche Einordnung, entsprechende Sicherungsmaßnahmen und vor allem eine faire und frühzeitige Verhaltensbeeinflussung möglich. Verniedlichende Begriffe für Beißvorfälle haben dennoch Informationsgehalt: Sie verraten viel über die innere Haltung des Menschen.
Doch schauen wir uns die Skalen mal genauer an und was bereits als „Beißvorfall“ einzuordnen ist.
Jede Skala beschreibt nur die Art der Verletzung eines Beißvorfalls und ist keine Verhaltensdiagnose. Ein Hund durchläuft diese Grade auch nicht zwangsläufig nacheinander. Die Motivation, das Wiederholungsrisiko und die Prognose müssen anhand des gesamten Ablaufs, der Vorgeschichte des Hundes und vieler weiterer Kriterien beurteilt werden. Auch mehrere oberflächliche Bisse sind nicht automatisch Grad 5.
Dennoch liefern diese Skalen eine Orientierung. Sie zeigen auch, dass Bissverletzungen, die mir häufig noch als Schnappen beschrieben werden, bereits (je nach Skala) in der Mitte irgendwo zwischen 3 und 4 liegen. Nicht selten höre ich Schilderungen wie „Er hat nicht richtig gebissen. Ja, Löcher hat man schon gesehen.“
Was für dich ebenfalls interessant sein dürfte ist, dass bereits ein Stumpen oder Stoßen mit geschlossenem oder halb geöffneten Fang erwähnt wird. Nämlich als das, was es ist: Ein Schritt vor Grad 1. Damit möchte ich natürlich keine Panik auslösen und Aggressionsverhalten überdramatisieren. Denn wir wissen:
✨Aggressionsverhalten ist Normalerverhalten✨
Die Verletzungsschwere ist ein wichtiger Teil der Einschätzung eines Beißvorfalls. Sie erklärt aber weder allein die Motivation des Hundes noch, wie wahrscheinlich ein weiterer Biss ist. Dafür müssen Verletzungen, Verhalten und Situation gemeinsam betrachtet werden.
Was beeinflusst die Verletzungsschwere?
Die entstandene Wunde ist das Ergebnis mehrerer Faktoren:
Größe und körperliche Voraussetzungen des beißenden Hundes:
Körperkraft, Kiefergröße und Zähne beeinflussen das Ausmaß einer Verletzung. Der gleiche Verhaltensablauf kann bei unterschiedlich großen Hunden unterschiedliche Folgen haben. Aber auch
Größe und Verletzlichkeit des Gegenübers kann die Folgen besonders dann verschärfen, wenn kleine Kinder oder kleine Hunde verletzt werden.
Die betroffene Körperstelle spielt nicht nur hinsichtlich der Schwere der Verletzung eine Rolle, sondern lässt oftmals auch Rückschlüssen auf die Motivation eines Hundes zu.
Kleidung und Schuhe können manche Bisse abmildern. Wenig verletzte Haut beweist also deshalb auch überhaupt nicht, dass ein Hund ja „nur geschnappt“ habe oder stark gehemmt vorgegangen wäre. Ein kleiner Hund, der „nur“ einen eng geschnürten Arbeitsstiefel erwischt, kann es durchaus sehr ernst meinen und hätte in einem anderen Kontext (Beispielsweise die Wade eines Kleinkindes) eine schwere Bissverletzung verursachen können.
Auch Bewegungen während des Bisses wie Wegziehen, Auseinanderziehen oder Schütteln können zusätzliche Rissverletzungen verursachen.
Ein kurzer Biss mit sofortigem Loslassen unterscheidet sich von anhaltendem Druck, Festhalten oder wiederholtem Nachbeißen deutlich. Dauer und Ablauf sind also wichtig und deshalb möchten wir bei der Rekonstruktion eines Beißvorfalls möglichst jedes Detail wissen.
Auch Dunbars Skala berücksichtigt Rissverletzungen durch Wegziehen. Er weist ausdrücklich darauf hin, Beschädigungen von Kleidung und Schuhen bei der Bewertung einzubeziehen.
Bei Hund–Hund-Vorfällen kommt hinzu: Kleine äußere Wunden können erhebliche Schäden unter der Haut verdecken, beispielsweise an Muskulatur, Rippen oder Organen. Deshalb sollten auch Hunde, die äußerlich kaum verletzt wirken, unbedingt in einer Tierklinik vorgestellt werden.
Was sagt ein Biss über die Beißhemmung aus?
Mit Beißhemmung ist hier die Begrenzung des eingesetzten Beißdrucks gemeint. Ein Hund kann Zahnkontakt herstellen, ohne mit seiner gesamten möglichen Kraft zuzubeißen. Hunde können ihre Zähne sanft, liebevoll oder spielerisch und auch fürsorglich benutzen und den Beißdruck normalerweise differenziert einsetzen.
Geringe Verletzungen können auf eine solche Begrenzung hinweisen. Das ist aber wirklich nur ein Indiz und immer im Kontext zu betrachten.
Aussagekräftiger wird diese Vermutung, wenn der Hund ungehinderten Hautkontakt hatte, kurz zubiss, selbstständig losließ und nicht nachsetzte. Wenn der Hund also theoretisch die Möglichkeit gehabt hätte, stärker zuzubeißen, es aber nicht getan hat. Auch das ist natürlich immer in Relation zu sehen.
Kleidung, ein streifender Kontakt oder eine sofortige Unterbrechung, beispielsweise weil der Hund festgehalten oder an einer Leine zurückgezogen wird, bieten dagegen andere Erklärungen für geringe Schäden.
Daraus folgen drei Grenzen der Interpretation:
- Ein einzelner leichter Biss belegt keine zuverlässig verfügbare Beißhemmung in allen Situationen.
- Ein schwerer Biss belegt zunächst eine erhebliche Verletzung. Ob zusätzliches Reißen, Größenunterschiede oder eine besonders verletzliche Körperstelle dazu beigetragen haben, zeigen Ablauf und Kontext und weitere Kriterien.
- Sanfter Maulgebrauch im Spiel garantiert keine vergleichbare Druckbegrenzung bei Angst, Schmerz oder einem Konflikt.
Das sind alles Schlussfolgerungen aus den unterschiedlichen Einflussfaktoren und keine direkt aus einer Wunde ablesbaren Eigenschaften. Für die Risikobeurteilung und auch Prognose müssen deshalb immer auch Vorgeschichte und Verhaltensablauf berücksichtigt werden.
Die Formulierung, die ich immer wieder höre: „Wenn er ernsthaft hätte beißen wollen, wäre mehr passiert“ ist fachlich wirklich garnicht haltbar: Sie unterstellt eine Absicht, die sich aus dem Verletzungsbild allein nicht feststellen lässt. Es gibt so viele Einflussfaktoren, die die Schwere einer Bissverletzung mit beeinflussen können, dass der Beißgrad alleine eben nur ein Kriterien von vielen ist.
Warum ist der Kontext so entscheidend?
Eine hilfreiche Analyse, für eine Einschätzung des Beißvorfalls, einer Verhaltensprognose und die nächsten Trainingsschritte, rekonstruiert den Vorfall so detailliert wie möglich. Dass Hundehaltende Beißvorfälle so ehrlich und detailreich wie möglich beschreiben ist also der erste Schritt und essentiell:
- Vorher: Was geschah unmittelbar vor dem Biss? Ging es um Berührung, Futter, einen Liegeplatz, Annäherung, Erschrecken oder eine schmerzhafte Handlung oder etwas Anderes?
- Signale: Waren Abwenden, Ausweichen, Erstarren, Fixieren, Knurren oder Schnappen erkennbar? Was davon wurde tatsächlich beobachtet
- Handlungsmöglichkeiten: Konnte der Hund Abstand herstellen? War er angeleint, festgehalten, eingekesselt oder räumlich bedrängt?
- Bissablauf: Einmaliger Kontakt oder mehrere Bisse? Sofortiges Loslassen, Festhalten, Schütteln oder Verfolgen
- Danach: Beendete der Hund die Handlung, als Abstand entstand, oder setzte er nach
- Vorgeschichte und Gesundheit: Gab es ähnliche Situationen, zunehmende Empfindlichkeit, Schmerzen oder andere Veränderungen?
„Es wurde kein Warnsignal bemerkt“ ist dabei präziser als „Der Hund hat nicht gewarnt“. Man darf nicht voraussetzen, dass jedem Biss eine lange, deutlich erkennbare Warnsequenz vorausgeht. Besonders situativ ist es möglich, dass Hunde nur kurz oder kaum vorwarnen. Dem geht jedoch häufig ganz generell eine längere Historie von Konflikten, Beißvorfällen oder Vorwarnungen vorraus.
Ein Sonderfall sind Beißvorfälle, die beutefangmotiviert sind.