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Wie wichtig ist die Vorgeschichte deines Hundes?

was uns prägt

Jeder Hund hat sie: Eine Vorgeschichte. Auch, wenn dein Hund schon seit seiner Geburt bei dir lebt, hat er eine. Doch Hunde, die erst später, als Welpe oder sogar erwachsener Hund zu uns kommen, haben eine Vorgeschichte, die wir nicht in Gänze kennen.

Hunde lernen die ganze Zeit. Sie saugen Erfahrungen auf, wie ein trockener Schwamm, der in einen gefüllten Wassereimer plumpst. Alles, was sie wahrnehmen, wird verarbeitet: Kann man das essen? Ist es gefährlich? Verspricht es mir einen Vorteil? Welches Verhalten zieht welche Konsequenzen nach sich? Woran kann ich erkenne, was als nächstes passieren wird?

Bestimmt hast du dich schon gefragt, was dein Hund schon Alles erlebt hat, bevor er zu dir kam. Vielleicht kennst du einen teil seiner Vorgeschichte. Besonders Tierschutzhunde haben eine Vorgeschichte, die auch von negativen Erfahrungen geprägt ist und es dauert eine Weile, bis wir Rückschlüsse ziehen können.

Doch, sollten wir das tun? Ja, natürlich. Besonders, wenn dein Hund aggressives Verhalten zeigt, kann es hilfreich sein, seine Vorgeschichte zu kennen. Hunde, die mit Schnappen und Beißen erfolgreich Probleme lösen konnten, haben auch diese Erfahrung abgespeichert und greifen möglicherweise auf diese sehr effektive Verhaltensweise zurück. 

Doch oftmals wissen wir über Hunde aus dem Tierschutz sehr wenig und können keinerlei Aussagen darüber machen, was sie erlebt haben und welche Erfahrungen sie in ihrem bisherigen Leben gemacht haben.

Sollte das ein Argument gegen die Adoption eines Hundes aus dem Tierschutz sein? Nein. Nicht unbedingt. Es kann sogar hinderlich sein, wenn du dich zu sehr mit der Vorgeschichte deines Hundes beschäftigst.

Ich möchte an dieser Stelle aggressives Verhalten und beißende Hunde ausschließen. Denn diese Hunde sind ein oder besser "der" Sonderfall im Hundetraining, der garnicht so besonders ist, aber eben extrem gefährlich. Hier wäre es fatal, wenn Vorbesitzer*innen nicht detailliert über die bisherigen Vorfälle aufklären, wenn sie ihren Hund beispielsweise im Tierheim abgeben. 

In diesem Artikel möchte ich mich vor allem mit den Hunden beschäftigen, die kein aggressives Verhalten gegenüber Menschen zeigen.

Warum die Vorgeschichte oft zweitrangig ist

So wie sich ein trockener Schwamm mit Wasser vollsaugt, wieder trocknet, erneut mit Wasser vollsaugt und wieder trocknet, verhält es sich auch mit den meisten Erfahrungen, die Hunde machen.

Besonders schwerwiegende Erfahrungen oder solche, die sich häufig und über einen längeren Zeitraum wiederholt haben, bleiben haften und festigen sich. Man kann sie nicht mehr einfach wegwischen.

Aber nicht jedes Erlebnis wiegt für jeden Hund gleich schwer. Oftmals erlebe ich im Einzelcoaching, dass mir Hundehalter*innen von dem (vermutlich) schweren Leben ihres Hundes irgendwo im Ausland, in einem Tierheim oder bei Vorbesitzern schildern. Manche Hunde haben strapaziöse Transporte und Einfangversuche hinter sich. Klar, dass sein solcher Hund möglicherweise misstrauisch ist, sich ungern anleinen lässt und Transportboxen argwöhnisch beäugt.

Doch indem wir in unserem Alltag oder beim Training selbst zu sehr an der Vorstellung haften bleiben, wie schlimm die eine oder andere Erfahrung unseres Hundes gewesen sein muss, verklären wir häufig auch unseren Blick auf das Verhalten des Hundes.

Der Hund, der diese große neue Plastikding vorsichtig beäugt, wird bemitleidet und man würde ihn niemals einfach so da reinsetzen. Schließlich ist es sicher traumatisiert von dem schrecklichen Transport aus Ungarn nach Deutschland.

Der unsichere Podenco muss ich sich nie wieder in seinem Leben Männern nähern. Garantiert waren es Männer, die ihn gequält haben und das Trauma ist unüberwindbar. Wer wäre ich, würde ich ihn dazu ermuntern, sich einem fremden Mann zu nähern?

Ich wäre unvoreingenommen. Und das ist im Hundetraining nicht die schlechteste Herangehensweise.

Was du tun kannst

Schreibe Alles auf, was du über deinen Hund und seine Vorgeschichte weißt. Falte deine Notizen zusammen, lege sie beiseite und beobachte deinen Hund 24 Stunden lang so unvoreingenommen wie möglich.

Gibt es problematische Bereich in eurem Zusammenleben? Was tut er in diesen Situationen? Wie genau sieht seine Körpersprache dabei aus? Macht er Geräusche? Ignoriert er dich oder schaut er immer wieder zu dir? 

Versuche einmal ausschließlich zu beobachten ohne sofort zu interpretieren oder Rückschlüsse zu ziehen.

Dein Hund tut das auch nicht. Er verhält sich einfach nur.

Indem du deinen Hund genau beobachtest, kannst du herausfinden, was seine eigentliche Gefühlslage ist. Zeigt er wirklich Angst? Ist er tatsächlich unsicher? Wie sieht unsicheres Verhalten aus? Ist das, was dein Hund da tut möglicherweise Jagdverhalten? Oder möchte er etwas oder jemanden Wegtreiben, vertreiben oder im Gegenteil Nähe herstellen?

Voreilige Rückschlüsse sind fatal und beeinflussen das Verhalten eines frisch eingezogenen Hundes in den ersten Wochen maßgeblich. 

Er knurrt deinen Freund an, als der abends nach Hause kommt? Rückschluss: Er hat Angst vor Männern. Richtig? Nicht unbedingt.

Andere Erklärungen könnten sein:

  • Er ist generell misstrauisch gegenüber Menschen, auch Frauen.
  • Er kann Bewegungen deines Freundes nicht einschätzen und möchte einfach Abstand.
  • Er beansprucht den riesigen Kauknochen für sich, den du ihm gegeben hast und möchte, dass alle sich bewegenden Personen Abstand halten.
  • Er kennt die Situation einfach nicht und geht auf Nummer sicher: "Komm bloß nicht näher".
  • ...

Beispiel 2: Dein Hund sucht und findet Alles, was essbar ist? Rückschluss: Er musste ja auch jahrelang Hunger leiden. Richtig? Nicht unbedingt. Andere Erklärungen könnten sein:

  • Er ist einfach ein Suchprofi und hatte damit in den letzten Jahren viel Erfolg als Straßenhund, gehungert hat er aber nie. 
  • Er langweilt sich mit dir und hat mit dem Suche nach Futter eine tolle Beschäftigung gefunden.
  • Er hat eine supersensible Nase und kann den verführerischen Gerüchen einfach nicht widerstehen. Gelegenheit macht ...
  • Er "atmet" sein normales Futter innerhalb weniger Sekunden ein. Bis ein Sättigungsgefühl eintritt, wird nach mehr Futter gesucht.
  • Sein Futter ist nicht ausgewogen und er sucht nach "aufwertenden" Zutaten.
  • Er hat gelernt, dass diese Form des Jagens ein super Frustabbau ist
  • ...

Was du daran sehen kannst: Lösen wir uns von der Erinnerung an die vermeintlich stark prägende Vorgeschichte unseres Hundes, bei der wir vielleicht nicht mal dabei waren, machen wir den Weg frei für genauere Beobachtungen und können uns mit wirklicher Ursachenforschung beschäftigen:

Welches Bedürfnis stillt mein Hund mit seinem Verhalten?

Jetzt, wo du deinen Hund genauer beobachtet und seine Vorgeschichte zur Seite geschoben hast, kannst du noch etwas genauer hinschauen: Was möchte mein Hund mit seinem Verhalten erreichen?

Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten und Bedürfnisse, die Hunde mit ihren Reaktionen oder Verhalten zu befriedigen versuchen. Diese Bedürfnisse müssen wir anerkennen und akzeptieren. Manche Hunde haben ein starkes Bedürfnis nach Ruhe, Abstand und Sicherheit. Andere benötigen genau das Gegenteil: Nähe, Nähe, Nähe. Das können wir nicht ignorieren und wir tun gut daran, es in der Wahl der Trainingsmethoden zu berücksichtigen.

Ein einfaches Beispiel von oben:

Dein Hund sucht, findet und frisst Alles, was er findet. Egal wann und wo.

Du hast beobachtet, dass er dabei unfassbar schnell vorgeht und hektisch Alles hinunterschlingt, ohne zu prüfen, was er da überhaupt frisst. Besonders dann, wenn du in der Nähe bist oder dich ihm sogar näherst.

Außerdem ist dir aufgefallen, dass er seine Futterschale extrem schnell leert. 

Mögliche Bedürfnisse, die dabei befriedigt werden, könnten sein: 

  • tatsächlichen Hunger stillen
  • Nährstoffbedarf stillen
  • Sichern: "Was ich hab', hab' ich.

Nun kannst du erste Übungsansätze finden: Erhält dein Hund eine angemessene Futterartion? Deckt sie seinen Kalorienbedarf? Wurde er seit Auftreten des Problems einmal durchgecheckt? Besonders, wenn Futtermenge, Futterbedürfnis und Gewicht nicht zusammen passen, sollten auch organische Ursachen von einem Tierarzt ausgeschlossen werden.

Du könntest einmal die Qualität des Futters checken: Ist es hochwertig? Kann dir jemand dabei helfen, das zu beurteilen? Passt das gewählte Futter zu deinem Hund?

Habt ihr ein Futterritual? Erzeugt dieses möglicherweise extrem viel Spannung, bevor dein Hund sich auf sein Futter stürzen darf? Frisst dein Hund in einer sehr hektischen Umgebung? 

Auch einem weiteren Punkt könntest du dich widmen: Wie sieht es mit Beute allgemein aus? Hat dein Hund gelernt, dass es sich lohnt dir gefundene Dinge zu geben? Oder hat er genau das Gegenteil gelernt? Besonders sehr gefräßige Hunde bekommen von ihren Menschen häufig Dinge abgenommen, aus dem Maul gerissen oder vorenthalten. Das führt zu einem fatalen Kreislauf, denn der Hund lernt: Wenn ich etwas wertvolles gefunden habe, muss ich damit verschwinden oder es schnell fressen, bevor ich es abgenommen bekomme.

 

Das sind natürlich nur Beispiele. Ich finde aber, man kann so besser verstehen, dass es keine gute Idee ist, sich zu sehr auf die Vorgeschichte eines Hundes zu fixieren und diese als Erklärung für Verhalten in seinem jetzigen Leben vielleicht sogar Jahre später, zu nutzen. Die Vorgeschichte deines Hundes hat sein Verhalten beeinflusst und geprägt. Aber das tun die Erfahrungen, die er mit dir jeden Tag macht, ebenso. 

Fazit: Die Vorgeschichte eines Hundes ist wichtig, aber nicht Alles.

Klebst du noch an seiner Vorgeschichte?

Steckst du mit deinem Tierschutzhund in einer Sackgasse oder hast den Eindruck, dass ihn seine Vorgeschichte maßgeblich beeinflusst? Vielleicht sogar euer Zusammenleben beeinflusst?

Dann könnte mein 10-Wochen-Trainingsprogramm für euch der Einstieg in einen entspannteren Alltag sein.

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