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Der Reiz des Jagens

#2 Hilfe, mein Hund jagt

Im ersten Teil, den du hier findest, haben wir uns mit dem Jagdverhalten im Allgemeinen beschäftigt und welche Rolle Hormone dabei spielen. In diesem Teil soll es um auslösende Reize gehen und um die Frage, was wir vorbeugend tun können, um Jagdverhalten nicht unnötig an Stellen zu fördern, an denen es nicht erwünscht ist. An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Deswegen möchte ich vorwegschicken, dass die Einschätzung darüber, was auf deinen Hund zutrifft, was ihm guttut und was nicht, immer individuell zu beurteilen ist und keiner der Tipps und Ratschläge einen Anspruch auf pauschale Richtigkeit haben. Vielmehr möchte ich dir Denkanstöße geben.

Was sind jagdauslösende Reize?

Reize sind Alles, was dein Hund wahrnimmt. Man kann jagdauslösende Reize grob in zwei Kategorien unterteilen. Auf der einen Seite haben wir Reize, auf welche der Hund genetisch fixiert mehr oder weniger stark reagiert. Das sind Bewegungen und Gestalt, Größe und Körpertemperatur. Beispielsweise ein kleines, fluschiges Kaninchen, das über die Wiese hoppelt. Auch der Geruch spielt hier eine große Rolle, wobei dieser auch der zweiten Kategorie unterliegt, nämlich der Lernkomponente. Das bedeutet, dass der Hund im Laufe seines Lebens Jagderfahrungen sammelt und abspeichert und diese in die entsprechende "Schublade" ablegt. Möglicherweise speichert der Hund hier nicht nur Jagderfahrungen zum Thema Kaninchen ab, sondern auch zum Thema lautes Quitschen, Fahrrad, Ball, Hundewiese, Straße, Auto usw. 

Das bedeutet: Wann immer dein Hund gejagt hat, wird er die dabei wahrgenommenen Reize sehr wahrscheinlich mit dem Jagen und der damit einhergehenden, starken Selbstbelohnung verknüpfen. Welche Reize das im Einzelnen sind, unterliegt nur bedingt unserer Kontrolle. Das können bestimmte Bewegungsmuster, Orte, Untergrund, Situationen, Konstellationen, Gerüche usw. sein.

 

Das ist auch der Grund, weshalb Hunde an Orten, an welchen sie bereits gejagt haben, mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit erneut jagen gehen werden oder zumindestens auf der Suche nach einer Jagdgelegenheit sind, was man dann (du erinnerst dich) "ungerichtete Appetenz" nennt. Oder wenn dein Hund immer wieder unkontrolliert dem Bällchen hinterhetzt, wird allein der Anblick des Bällchens möglicherweise bereits die Erwartungsspannung auf das darauffolgende Jagen wecken. Die Hormone, die der Körper dabei ausschüttet können regelrecht süchtig machen und dabei entsteht....na? Der Balljunkie.

Der Balljunkie

Zu behaupten, dass jeder Hund zum Balljunkie wird, der ein paar Mal einem Spielzeug hinterherflitzen durfte, wäre falsch. Aber es ist auch nicht so selten, dass Hunde vom Ballspielen abhängig sind und ihr Verhalten nicht nur äußerlich, sondern auch chemisch mit dem eines Süchtigen zu vergleichen ist.

Ein Hund wird meist zum Balljunkie, wenn er immer wieder Bälle geworfen bekommt und diese unkontrolliert hetzen darf. Bei dem einen reicht drei Mal werfen aus und der Vierbeiner scheint bereits "aus dem Leben geschossen" zu sein. Dem anderen Hund kann man das Bällchen auch nach hunderten Würfen noch nicht so wirklich schmackhaft machen. Inwiefern Bällewerfen überhaupt eine sinnvolle Beschäftigung darstellt, möchte ich an dieser Stelle außer Acht lassen. Im Großen und Ganzen ist es eher nicht empfehlenswert und es gibt weitaus bessere Möglichkeiten, den Hund zu beschäftigen. Doch woran erkenne ich, ob mein Hund ein Balljunkie ist oder einer werden könnte? 

Manche Rassen oder Hundetypen, sind anfälliger dafür, süchtig nach Hetzspielen zu werden. Hierzu gehören alle Rassen, die generell agil sind, Jagdhunde (irgendwie logisch), Schäferhunde, besonders gerne auch Terrier (sind auch Jagdhunde, ich weiß) und Hütehunde. Wie gesagt, Ausnahmen bestätigen die Regel und ich bin kein Freund von Pauschalisierungen. Wenn dein Hund also Action liebt und bereits erste Jagdambitionen hat, solltest du keine unkontrollierten Spiele dieser Art spielen. Was heißt unkontrolliert? Damit meine ich im weitesten Sinne, dass du wirfst, dein Hund rast los, packt den Ball, bringt ihn zurück oder in deine Nähe und du wirfst erneut. 

Balljunkie Symptome

Wenn dein Hund folgende Symptome zeigt, gehört er sehr wahrscheinlich zur Kategorie Balljunkie:

  • Er hat nichts anderes mehr im Kopf, als das Wurfobjekt.
  • Möglicherweise beobachtete er zu Hause sogar die Stelle, an welcher das Objekt untergebracht ist.
  • Er interessiert sich für nichts anderes als das Bällchen (oder Ähnliches), sobald er dieses bemerkt hat.
  • Dem Hund ist total egal, wer wirft. Hauptsache, es wird geworfen.
  • Der Hund kann sich nicht mehr gut auf andere Dinge konzentrieren, nachdem er mit dem Wurfobjekt "gespielt" hat.
  • Der Hund scheint alles dafür zu tun, dass man nochmal wirft, ist dabei aber fahrig, hektisch und unkonzentriert.

Das Thema Balljunkie könnte eine eigene Artikelreihe füllen und ich habe schon viel zu viele Hütehunde gesehen die hunderte Male den gleichen Zweig vor die Füße irgendeines Menschen tragen, in der Hoffnung, dass er nochmal geworfen wird. Terrier, die komplett eskalieren, wenn sie nur erahnen können, dass Frauchen das Bällchen in der Jackentasche mit sich führt und Labradore, die mit drei Jahren quasi schlachtreif sind, weil sie ihr Leben lang nichts anderes getan haben, als täglich "mal so richtig ausgepowert zu werden" und deren Ellbogen durch das dauernde Losrasen und Stoppen nur noch eine bröseligen Masse sind. Verzeiht mir die Wortwahl, aber man muss es ja mal so deutlich sagen.

 

Die Folge ist ein ständig erhöhtes Stresslevel: Dein Hund leidet und sein Zustand ist mit dem eines Drogenabhängigen vergleichbar. Eine weitere Gefahr dabei ist auch, dass dein Hund diesen "Jagderfolg" auf andere, sich schnell bewegende Objekte überträgt. Die Übertragung bestimmter Verhaltensweisen auf andere Objekte, Situationen und Konstellationen nennt man "Generalisierung". Umgangssprachlich könnte man auch "Verallgemeinerung" sagen. 

Nicht nur Junkies verallgemeinern

Achtung: Die Gefahr, dass ein Hund das Hetzen auf andere Objekte oder auch Lebewesen überträgt, die für gewöhnlich nicht auf der Speisekarte eines Hundes stehen, besteht bei allen Hunden. Nicht immer. Aber auch nicht selten. Besonders tragisch ist es, wenn das Beutefangverhalten fehlgeleitet ist. Der Hund also beginnt, Dinge zu jagen, die man nicht essen kann oder soll. Zum Beispiel Autos.

Fehlgeleitetes Beutefangverhalten

Ein typisches Beispiel hierfür ist das Jagen von allen möglichen, sich schnell bewegenden Objekten (mit und ohne Mensch), wie Fahrradfahrer, Autos, Roller, Inlineskater usw. Ich führte mal ein Erstgespräch mit einer Dame, deren Bearded Collie war ein ganz bezaubernder Fellknäuel. Zu jedem freundlich, mit jedem Hund verträglich und immer gut drauf. Spaziergänge waren trotzdem der Horror, denn der nette Herr Hund rastete jedes Mal vollkommen aus, wenn er auch nur von weitem einen Zug oder eine U-Bahn hörte. Na gut, könnte man sagen, hält man halt Abstand. Nur blöd, wenn man direkt neben einer U-Bahn-Station wohnt und das Jagen von Zügen, U-Bahnen und allem was fährt so ziemlich die einzige Beschäftigung für den Hund darstellt und der gerade anfängt zu merken, dass LKW jagen auch lustig ist. Jedenfalls so lange gerade keine Bahn kommt. Dann kann man die ja wieder hetzen. 

Das ist fatal und tragisch und erlernt und durch Unwissenheit oft auch noch lange Zeit verstärkt worden. Aber auch hier gilt: Wir sprechen bei Jagdverhalten immer von massiv selbstbelohnendem Verhalten. Es braucht also keinen Menschen, der den Hund zusätzlich belohnt. Das machen die Hormone ganz alleine.

Reizsummenregel

Ein jagdlich relevanter Reiz wird umso interessanterm je mehr jagdauslösende Eigenschaften er in sich vereint. 

Achtung, jetzt wird's wichtig: Auch ein, normalerweise jagdlich nicht interessanter Reiz, kann Jagdverhalten auslösen, wenn er mehrere jagdauslösende Eigenschaften in sich vereint.

Auf dem Bild links haben wir ein ganz klassisches Beispiel. Stell dir folgende Situation vor: Zwei Kinder, die auch ab und zu mit dem Hund Ball spielen, toben miteinander und schleudern Kissen aufeinander und durch's Zimmer. Sie schreien, quitschen, rennen, haben Spaß und machen, was Kinder halt so machen. Im tragischsten Fall summieren sich hier für einen Hund viele Reize, die möglicherweise jeweils für sich alleine kein Jagdverhalten auslösen würden. In der Summe passiert aber das, was fehlgeleitetes Beutefangverhalten zum traurigen Urknall in der Rasselistendiskussion gemacht hat: Der Hund beißt. Das bedeutet nicht, dass jeder Hund, der ein tobendes Kind gebissen hat, nicht aggressiv ist, sondern nur "falsch gejagt" hat. Aber eine große Zahl an Beißvorfällen geht auf fehlgeleitetes Beutefangverhalten zurück. 

Beispiel 2: Ein Hund rennt  auf der Hundewiese einem Ball hinterher und schnappt sich urplötzlich den kleinen flauschigen Chihuahua, der zufällig daneben gelaufen ist: Das bereits "jagende Gehirn" entscheidet innerhalb weniger Sekundenbruchteile, welcher Reiz erfolgversprechender ist. Der Ball oder der kleine, strubbelige Hund, der jetzt auch noch so lustig quitscht?

Jagdverhalten vs. Aggressionsverhalten

Jagen ist keine Aggression. Beide Verhaltensweisen unterliegen unterschiedlichen Funktionskreisen und während der Handlung sind verschiedene Gehirnbereiche mehr oder weniger aktiv.

Aggressionsverhalten dient der Distanzvergrößerung. Meist geht dies mit vorherigem Drohen einher. Es wird also kommuniziert. Beim Jagdverhalten soll die Distanz zur Beute jedoch verringert werden und das möglichst schnell. Der Hund kommuniziert nicht mit seiner Beute, bevor er sie hetzt, packt und tötet. Was ja total bescheuert und unlogisch wäre. Wobei....

Beuteaggression

Es gibt da nämlich so eine kleine Überschneidung, die insbesondere bei den Terrier-Rassen oder auch Dackeln züchterisch hervorgehoben wurde. Die sogenannte Beuteaggression wird gezeigt, wenn sich die Beute umdreht und wehrt. Das erklärt auch den "Größenwahnsinn" mancher Jack Russell Terrier, die dafür gezüchtet wurden, Füchse durch die von ihnen bewohnten Kaninchenbauten zu hetzen, sie herauszutreiben und, wenn nötig, auch mit ihnen anzulegen. 

Man vermutet, dass diese bewusst angezüchtete Beuteaggression aus dem Interferenzwettbewerb entstanden ist und ein vermischtes Verhalten darstellt. Von Interferenzwettbewerb spricht man, wenn im Revier lebende oder jagende Nahrungskonkurrenten gejagt und getötet werden. Beispielsweise Wölfe, die Kojoten jagen und töten. 

Puh, ganz schön theorielastig. Im nächsten Artikel der Jagdserie geht es um den Zusammenhang zwischen Stress und Jagdverhalten. Ich freue mich über dein Feedback in den Kommentaren.

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Viele Grüße,

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