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Impulskontrolle beim Hund

Impulskontrolle beim Hund

„Jetzt is aber gut!“ Ich drehe mich um und sehe die sichtlich genervte Frau und einen kleinen Münsterländer, dessen Schlappohren jedes Mal um den Kopf herumwirbeln, wenn dieser sich von einer Ablenkung zur nächsten dreht. 

Der offenbar noch recht junge Vierbeiner hampelt herum, zieht die verzweifelte Frau von einer spannenden Duftstelle zur nächsten hinter sich her und herunterfallendes Laub macht die Sache nicht einfacher.

Der Hund macht nur Quatsch, scheint unkonzentriert und irgendwann reißt uns die Geduldsschnur. Verzweifelt versucht die Frau, die Situation in den Griff zu bekommen. Meist wird es damit aber nur noch schlimmer, denn anstatt sich jetzt ruhig zu verhalten, drehen manche Hunde jetzt erst richtig auf und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Hundetrainer raten in solchen Fällen oft dazu, an einer besseren Impulskontrolle zu arbeiten. Doch was ist das überhaupt?

Was ist Impulskontrolle?

Der rollende Ball lädt sofort zum hinterherlaufen ein. Das ist meist der erste Impuls. Mit einer guten Impulskontrolle widersteht dein Hund diesem ersten Impuls und „reißt sich zusammen“. Es geht also viel um Selbstbeherrschung.

Impulskontrolle kann auch bedeuten, dass dein Hund ein Signal ausführt, welches gerade vollkommen entgegen seiner eigentlichen Motivation ist.

Das ist meist gemeint, wenn wir im Hundetraining von Impulskontrolle sprechen.

Im Falle von Impulskontrollstörungen, führen Hunde bestimmte Handlungen ohne erkennbare Motivation aus. Dazu kann Schattenjagen, Dauerbellen oder die Fixierung auf ein bestimmtes Spielzeug gehören. Unter dem Oberbegriff „Impulskontrolle“ findet sich also eine große Bandbreite an Verhaltensweisen.

Auch Beißvorfälle können aufgrund einer mangelnden Impulskontrolle des Hundes entstehen.

Impulskontrolle im Alltag

Für unseren normalen Alltag benötigt dein Hund viel Impulskontrolle. Beispielsweise soll er Menschen nicht anspringen, nicht zu jedem Hund hinlaufen, auf glatten Böden muss er vorsichtiger gehen um nicht auszurutschen und an einem Teller mit Essen darf man sich auch nicht einfach bedienen.

Hunde müssen das „sich beherrschen“ erst lernen und das ist vollkommen normal. Selbstbeherrschung funktioniert wie ein Muskel und ist irgendwann erschöpft. Das erklärt auch, weshalb Hunde manchmal scheinbar unerwartet die Beherrschung verlieren, obwohl vorher Alles scheinbar gut geklappt hat. 

Manche Hunde lernen das nur sehr schwer. Dabei spielt nicht nur die Erziehung und Lernerfahrungen eine Rolle sondern auch genetische Faktoren.

Ist mein Hund gestört?

Kaum greife ich zu den Laufschuhen, springt mein Hund auf. In-ears, Laufhose und die leichte Leine sind für ihn ein eindeutiges Zeichen: Wir gehen laufen. Mein Hund dreht sich mittlerweile im Kreis, springt auf und ab, rennt die Treppe rauf und wieder runter. Nur mit Mühe kann ich ihn anleinen. Mit seinen 35 kg zieht er mich hinter sich her. „Hoffentlich ist die Ampel grün“, denke ich. Denn dort müssen wir sonst warten. Das führt jedes Mal dazu, dass mein Hund jaulend neben mir steht. Letztes Mal hat er das mit solcher Inbrunst getan, dass ich angesprochen wurde, ob mein Hund Schmerzen hätte. Danach hatte ich mich immer heimlich angezogen, damit mein Hund nichts von dem mitbekam, was wir vorhatten.

Kaum am Waldrand angekommen leine ich ihn dann ab, er schießt los und rennt erstmal hunderte Meter voraus, wieder zurück an mir vorbei um dann irgendwann bellend neben mir herzuspringen. Erst nach 3 Kilometern beruhigt er sich langsam und wir können ganz normal nebeneinander herlaufen. Spike ist jetzt 3 Jahre alt und war schon immer lebhaft. Wir haben viel trainiert und sind seit seiner 12. Lebenswoche in die Hundeschule gegangen.

So erzählte mir vor einigen Wochen eine Hundehalterin ihre verzweifelte Lage. Das ungeduldige Verhalten ihres Hundes steigerte sich zusehends und wurde allmählich extrem störend. Außerdem viel ihr auf, dass ihr Hund auch in vielen anderen Situationen zusehends schlechter abwarten konnte. 

Oft sind die Besitzer solcher Hunde verzweifelt, denn sie tun meist überdurchschnittlich viel dafür, dass ihr Vierbeiner ausgelastet ist, gehen regelmäßig in Kurse und in der Hundeschule gehören diese Hunde oft zu den Klassenstrebern.

Wenn alle möglichen Trainingsmethoden nicht mehr greifen, werden solche Hunde gerne als gestört abgestempelt und geraten, das Verhalten eben hinzunehmen. Manchmal wird mit dem Hund im Training zunehmend grober und ungeduldiger umgegangen, im Alltag aber kaum etwas verändert. Mit fatalen Folgen.

3 Typen

Ariane Ullrich beschreibt in ihrem Buch zum Thema Impulskontrolle 3 verschiedene Typen: 

  1. situativ unerzogene Hunde,
  2. Hunde mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne und Frustintoleranz,
  3. Hunde, die Zwangsverhalten oder Stereotypien zeigen.

Schon hier wird deutlich, wie groß dieses Feld ist.
 

Ursachen für impulsives Verhalten

Genetik, Erziehung, Persönlichkeit, Lernerfahrungen, Erziehungsfehler und Stoffwechsel spielen dabei eine Rolle. Ist die Mutterhündin während der Trächtigkeit beispielsweise sehr gestresst, wirkt sich das auch auf den Stoffwechsel der Welpen aus. Wenn wir uns mit impulsiven Verhalten oder Impulskontrollstörungen beschäftigen, müssen wir beachten, dass nicht jedes Fehlverhalten mit „Fehlern“ in der Erziehung des Hundes zusammenhängt, sondern die Ursachen manchmal auch außerhalb unseres Einflussbereichs liegen.

Dennoch kannst du deinem Hund helfen, sich besser zu beherrschen und impulsives Verhalten abbauen. Das solltest du auch, denn impulsives Verhalten führt häufig zu weiteren Symptomen wie chronischem Stress, Autoaggression, Magen-Darm-Erkrankungen, Hautveränderungen und anderen Auffälligkeiten. 

Auch, wenn meist mehrere Faktoren zusammenkommen, spielen natürlich auch der Alltag des Hundes, Erziehungsmethoden, Lernerfahrungen und dein Umgang mit deinem Hund eine große Rolle.

Auch die Ernährung des Hundes kann einen Einfluss haben, auch wenn dieser nicht unbedingt maßgeblich sein muss.

Was tun?

Schaut man sich die möglichen Ursachen an, kann man deutlich sehen, dass sich daraus mindestens genauso viele Möglichkeiten ergeben, gute Voraussetzungen für eine bessere Impulskontrolle zu schaffen. Hunde, die sich nicht beherrschen können, scheinen uns tierisch zu nerven, während sie vermeintlich immer ihren Kopf durchsetzen wollen, unvermittelt aggressiv reagieren oder jedes Spiel damit endet, dass der Hund überbordend grob wird. Dabei leiden die Vierbeiner oftmals selbst am meisten unter ihrem Verhalten.

Ganz wichtig beim Training ist, dass du immer berücksichtigen solltest, dass dein Hund permanent lernt. Auch dann, wenn ihr einfach nur Alltag verbringt und du garnicht daran denkst, dass dein Verhalten von deinem Hund beobachtet wird und Auswirkungen auf ihn haben könnte. Das macht das Trainieren oft sehr anspruchsvoll, wenn es darum geht, dass der Hund sich besser beherrschen soll.

Zu verführerisch ist es, mit übermotivierten Hunden zu arbeiten und Pausen immer weiter hinauszuzögern. Schließlich scheine sie unermüdlich beider Sache zu sein und kaum eine Herausforderung ist ihnen zu einschüchternd. Dabei ist es genau das, was solche Hunde benötigen. Im Alltag lassen wir uns gerne „hinreißen“ und geben unserem eigenen Impuls nach, den Ansprüchen des Vierbeiners immer möglichst schnell gerecht zu werden oder finden selbst kein Ende, wenn das Training gerade so viel Spaß macht.

Seit in den letzten Jahren das Thema „Hyperaktivität beim Hund“ häufiger diskutiert wurde, sind viele Hundehalter bereits dafür sensibilisiert, dass Auslastung und Training nur ein Teil für ein glückliches Hundeleben ist. 

Challenge dich und deinen Hund

Wenn du an einer besseren Impulskontrolle deines Hundes arbeiten möchtest, solltest du dich zunächst selbst hinterfragen: Wie ist es eigentlich um deine eigene Impulskontrolle bestellt? Kannst du dich gut beherrschen? Um das herauszufinden, musst du dich nur ein wenig beobachten und wirst schnell feststellen, wie viel wir von unseren Hunden erwarten und dass wir ihnen meist in nichts nachstehen, wenn es darum geht, Bedürfnisse möglichst schnell und sofort zu erfüllen.

Wenn dich das Thema interessiert, kannst du dich jetzt für meinen Newsletter anmelden. In den nächsten Wochen möchte ich euch mehr Wissen über dieses wichtige Thema an die Hand geben.

Viele Grüße,

deine Mela

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Glücksmomente, Abenteuer & Training mit Hund

Ich bin Mitglied im Verband zertifizierter Hundetrainer e.V. und bin nach § 11 des Tierschutzgesetzes als sachkundig befunden.

Ich habe mich auf Trainingsangebote speziell für Hundehalterinnen spezialisiert. 

Warum das so ist, erfährst du hier.