Ist Hundebetreuung Kidnapping?

Gedanken zu fremdbetreuten Hunden

Gestern Nacht erreichte mich der erlösendste Anruf, den man überhaupt bekommen kann, wenn man einen Hund "verloren" hat: "Sie ist wieder da!"

Die Hündin meines Vaters war zweieinhalb Wochen spurlos verschwunden und stand -als wir uns schon langsam damit abfanden, dass wir nie erfahren würden, was mit ihr passiert ist- plötzlich vor seiner Tür. Abgemagert, etwas zerrupft und sehr erschöpft, ließ sie sich in ihr Körbchen plumpsen und schaute ihn mit ihrem typischen, störrischen Blick an, als sei es das normalste von der Welt nun wieder da zu sein.

Was war passiert?

Anuschka, die besagte Hündin meines Vaters, kam als Pflegehund zu mir und wurde kurzerhand von meinem Vater adoptiert. Einige Jahre lebten wir Tür an Tür, bis ich etwa 15 km weit weg, an das andere Ende der Stadt zog. Seit fast 10 Jahren kennt man die beiden nur im Doppelpack: Älterer Mann vorneweg, zwei Meter hinter ihm trabt ein Hund, der aussieht wie eine Mischung zwischen Schäferhund und Fuchs. Im Café in der Stadt, am Golfplatz, im Buchladen und auch abends in der Kneipe. Dann der Unfall. Mein Vater stürzte und kam ins Krankenhaus. 

Natürlich nahm ich die völlig verwirrte Anuschka sofort zu mir. Nach einigen Tagen hatte sie sich scheinbar an die neue Situation gewöhnt: Schlief mit den anderen Hunden in den gleichen Körbchen, fraß mit gutem Appetit und freute sich auf unsere täglichen Gassirunden. Mit ihren 13 Jahren ist Anuschka immer noch sehr rüstig, achtet aber peinlichst genau darauf, keine Energie zu verschwenden. Schon seit dem ersten Tag, den ich sie kenne, steht und geht sie neben ihrem Menschen, wartet oder holt schnell auf und falls sie doch mal einem Eichhörnchen nachjagt, ist sie nach wenigen Sekunden wieder zur Stelle.

Jeder von uns hat schon im Wald gestanden, Anuschka gebrüllt und dann festgestellt, dass die Kleine seelenruhig und scheinbar schon die ganze Zeit, hinter einem stand.

Eine Eigenheit war uns jedoch mal ganz am Anfang aufgefallen: War Anuschka des Spazierengehens überdrüssig, kehrte sie auf der Pfote um und spazierte entschlossen nach Hause, legte sich vor die Tür und wartete, bis der Rest der Truppe auch wieder da war. Ein paar Mal sparte ich mir das "Mitnehmen", gab klein bei und bin schmunzelnd hinter ihr her gelaufen, bis wir wieder zu Hause waren. 

 

Nun sollte Anuschka also einige Tage bei uns verbringen, bis mein Vater wieder aus dem Krankenhaus zurück war und sich erholt hatte. Alles lief gut. Bis zu dem vormittag, an welchen ich zu Anuschka sagte "Nuschkelchen, heute geht's nach Hause", die Gartentür öffnete, in meine Turnschuhe schlüpfte, um mit dem Vierergespann noch eine letzte Abschiedsrunde zu gehen und...Anuschka weg war.

Spurlos verschwunden

In dieser einen, einzigen Sekunde, in welcher ich meine Augen nicht auf den Hunden hatte, hat es diese kleine, immer etwas phlegmatisch wirkende Hündin irgendwie geschafft am Zaun vorbei nach draußen zu kommen. Ich rannte um's Haus, durch den Garten, auf die Straße, wieder zurück, vielleicht war sie ja doch einfach nur wieder reingegangen und wieder vor zur Straße. Ab auf's Fahrrad. Hund weg. Die letzte Sichtung erhielten wir ca. eine Stunde später, bereits einige Kilometer entfernt. Danach verlor sich jede Spur. Keiner hatte Anuschka gesehen. Dennoch suchten wir jede Ecke ab, tagsüber und nachts. Mit jedem Tag, den Anuschka verschwunden blieb, wuchsen die Fragezeichen und die Spekulationen, wo sie sich aufhalten könnte.

War sie wirklich nach Hause gelaufen? Dann müsste sie schon längst da sein. Aber kann ein Hund das schaffen? Es sind nur 15 kilometer. Für einen Hund keine besondere Strecke. Aber, vom östlichsten Teil Frankfurt's quer durch die Stadt, über Autobahnbrücken, über den Main und an Hauptverkehrsstraßen, durch mehrere Waldstücke, an Offenbach vorbei oder sogar durch, Richtung Neu Isenburg. Oder wurde sie gefunden und nicht gemeldet? Liegt sie irgendwo verletzt und benötigt Hilfe? Oder war sie in eine ganz andere Richtung gelaufen? Vielleicht Richtung Norden in die Felder? Dann wäre unsere Suche in die völlig falsche Richtung gegangen. Anuschka blieb verschwunden. Weder Suchplakate, noch Facebookaufrufe, die Suche über Tasso, Abklappern aller Tierärzte und Tierheime, Förster, Feuerwehr, Polizei, noch jeden Spaziergänger nach einem kleinen Schäferhund zu fragen ergab einen Hinweis.

Die Verantwortung und die Schuld

Natürlich quälten mich Selbstzweifel. Hätte ich schneller reagieren müssen. Nicht erst im Garten hinter den Büschen suchen sollen, sondern direkt raus auf die Straße? Warum hatte ich diese verdammte Terrassentür geöffnet. Ausgerechnet ich, die dem Rest der Familie damit auf die Nerven fällt, die Hunde lieber einmal zu viel als zu wenig anzuleinen, die monatelang hinter Schleppleinen herrennt und diese 13-jährige Hündin auch nicht ableinte, als klar war, dass sie während der gesamten Gassirunde genau einmal von meiner Seite weichen würde um ihr Geschäft zu erledigen. 

Jemandem, der Tag und Nacht mit seinem Hund zusammen ist, dem sein vierbeiniger Freund näher steht als irgendein Zweibeiner, erklären zu müssen, dass man auf eben diesen Freund nicht gut genug aufgepasst hat, ist nicht schön. 

 

Als ich vor knapp zehn Jahren die Hundeschule gründete, finanzierte ich mich zusätzlich über Gassiservice und Hundebetreuung. Schon damals war ich jedes Mal heilfroh, wenn ich einen Urlaubshund wieder wohlbehalten an seine Besitzer übergeben konnte. Mit jedem weiteren Gast wurde ich mir der Verantwortung und dem Risiko bewusster, welches eine Fremdbetreuung mit sich bringt. Und vor allem: Wie unterschiedlich Hunde mit der Trennung zu ihren Menschen umgehen. Da sind die Hunde, die sich zu ihren Kumpels umdrehen, sofort lostoben und scheinbar überhaupt nicht registrieren, dass ihre Menschen sich grade anschicken ohne sie ins Auto zu steigen. Da sind aber auch die anderen Hunde, die sehr genau verstehen, dass sie jetzt erst einmal bleiben, sich in eine Ecke verziehen und wirklich richtig traurig wirken, die Hunde, die völlig verwirrt am Zaun stehen und scheinbar nicht im Ansatz fassen können, dass sie grade zurück gelassen werden und die, die scheinbar sehr relaxed mit der Situation umgehen, aber immer auch ein bisschen für sich sind oder tagelang appetitlos. Sie sind alle unterschiedlich. 

 

Meine größte Sorge war, dass einem meiner Schützlinge etwas passieren könnte, er sich losreißt, im Wald verschwindet oder überfahren wird und ich seine Menschen anrufen muss, um mitzuteilen, dass ihr Hund nicht mehr da ist. Glücklicherweise ist nie etwas passiert. Einmal hat sich ein sehr misstrauischer kleiner Kerl durch den Zaun gezwängt, wurde aber glücklicherweise direkt (Dank Schleppleine) aufgegriffen. Auch dieser Hund stand im einen Moment noch neben mir und war plötzlich weg. 

 

Unter anderem deshalb, entschloss ich mich irgendwann, keine Hunde mehr zu betreuen. Ich wusste, man kann das Restrisiko eines Unglücks oder Unfalls nicht ausschließen. Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit reicht. Dafür hatte ich zu schwache Nerven ;-)

Eine weitere Frage beschäftigte mich aber auch.

Wissen Hunde, wo sie hingehören?

Natürlich wissen sie das. Das steht außer Frage. Hunde sind soziale Rudeltiere. Sie stecken ihre eigenen Interessen zurück, um den Erhalt der Familie oder des Sozialverbandes zu sichern, binden sich eng an Menschen und freuen sich sogar über die Rückkehr eines Halters, der sie garnicht gut behandelt und folgen ihm dennoch treu. Hunde benötigen eine zuverlässige Bindung. Das gehört zu den Anforderungen einer artgerechten Haltung dazu.

Aber wo fühlen sich Hunde zugehörig, die täglich 8 Stunden "fremdbetreut" werden. Wissen sie, wer "ihr" Mensch ist? Oder befinden sie sich irgendwo dazwischen? Welchem "Rudel" würden sie sich wohl anschließen, wenn sie die Wahl hätten? Dem Halter oder der Gruppe, mit der sie den Großteil des Tages verbringen? 

Spielt hier die Zeit überhaupt eine Rolle? Oder eher die Intensität der Interaktionen, die Sympathie oder ist es manchen Hunden auch einfach wurscht? Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit des Hundes, seine Veranlagung und der "Typ" Hund? Also beispielsweise seine Rasse?

Und was "denkt" sich ein Hund, der normalerweise jeden Tag mit seinem Menschen verbringt und maximal für ein paar Stunden zu Hause auf dessen Rückkehr wartet, wenn er dann plötzlich zur Urlaubsbetreuung abgegeben wird? Wie empfindet er dabei? Können Hunde erahnen, dass es nur ein kurzer Abschied ist oder ist die Abfahrt der Menschen ein herber Verlust? Ich möchte nicht vermenschlichen. Aber die Frage drängt sich auf, inwiefern ein Hund damit zurecht kommt, kommen soll, wenn er "abgegeben" wird.

Meiner Erfahrung nach (die natürlich stark subjektiv und sehr unwissenschaftlich ist), kommen Hunde, die generell sehr offen gegenüber Fremden und Neuem sind, besser mit dem Wechsel oder einer Urlaubsbetreuung klar. Je mehr "Hund" im ursprünglichen Sinne in einem Vierbeiner steckt, desto weniger begeistert reagiert er auf einen ständigen "Rudelwechsel". (Anmerkung: Ich verwende den Begriff "Rudel" in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr unwissenschaftlich, denn eine zufällig zusammengewürfelte Hundegruppe in einer HuTa ist per Definition kein Rudel, manchmal nicht einmal ein loser Verband).

Die haben mich vergessen

Kennen Sie die Geschichten von Kindern, die auf dem Weg in den Urlaub an der Autobahnraststätte "vergessen" wurden? Oder wurden Sie selbst mal vergessen? Meine Mama hat mich als Kind mal wegen eines harmlosen Missverständnisses, eine halbe Stunde nach Schluss des Kinderturnens abgeholt. Viel zu spät. Das waren quälende 30 Minuten. Für ein Kind eine lange Zeit. Manchen Hunden wird es ähnlich gehen.

Zurück zu Anuschka: Rückblickend muss sie sich von mir regelrecht gekidnapped gefühlt haben. Papa mit dem Rettungswagen abtransportiert und dann kommt eine alte Bekannte, packt mich ein und bringt mich weg. Einem Hund kann man schlecht erklären, dass Alles gut wird, dass es nur für ein paar Tage ist. Anuschka wollte offensichtlich auf Nummer sicher gehen und so, wie wir ihren "Ausflug" rückblickend rekonstruiert haben, hat sie die erste Gelegenheit zur Flucht genutzt und ziemlich zielsicher den Heimweg eingeschlagen, obwohl sie die Strecke nie zuvor gelaufen war.

Man könnte nun fragen: Hat sie sich unwohl gefühlt, gab es Reibereien zwischen den anderen Hunden und ihr, hat sie einem Vogel nachgejagt und ist dann einfach weiter gelaufen, oder, oder...aber all das ergab kein schlüssiges Bild. Eine alternde Hundedame, die mit ihren 13 Jahren gerne gemütlich hinterher trottet und im Garten gelangweilt am Grashalm schnuppert, neigt eher weniger zu Affekthandlungen. Sie hatte einfach Heimweh. Das ist jedenfalls meine "Erklärung".

Und die Moral von der Geschichte?

Hunde sind so viel klüger als wir denken, uns in so vielen Dingen voraus. Sie haben Bedürfnisse und  individuelle Besonderheiten. Jede Hund-Mensch-Beziehung ist einzigartig und geprägt von gemeinsamen Ritualen, Gewohnheiten und Eigenheiten. In Zeiten von Dog-Sharing und stetig steigender Nachfrage nach Hundebetreuungsstätten wird mir manchmal ganz schwer. Nicht jeder Hund kommt damit klar, mal hier und mal dort zu sein, oder besser: fremdbetreut zu werden. Im Notfall geht es nicht anders. Aber in dem Wissen, auf eine Hundebetreuung im Alltag angewiesen zu sein, sollte man noch einmal genauer überlegen, welcher Hund zu einem passt und ob er wohl damit zurecht kommen wird.

Mittlerweile werden Hundebetreuungen auch immer mal wieder empfohlen, um Hunde auszulasten. Die Besitzer loben, wie toll müde ihr Vierbeiner abends ist und dass er schon im Auto in einen komatösen Tiefschlaf gefallen ist. Aber ist das artgerechte Auslastung oder einfach nur erschöpfter Schlaf nach 8 Stunden Dauerstress? Das kommt wohl wirklich auf den einzelnen Hund an. Wildes Toben und alle anderen Interaktionen in einer sich dauernd ändernden Hundegruppe ist nicht einmal ansatzweise mit den wichtigsten Elementen eines Rudels vergleichbar. 

Eine wirkliche Schlussfolgerung kann ich also garnicht ziehen. Ich denke nur schriftlich vor mich hin und vielleicht fühlt sich der ein oder andere Hundemensch "angestoßen" :-)

 

Ich freue mich wie immer auf Ihr Feedback und Austausch.

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