· 

Wie lange dauert das?

 

 

Nimmt man erstmal nur ein oder zwei Coachingeinheiten oder doch lieber gleich ein "großes" Paket?

Da die meisten Hundetrainer:innen beide Varianten anbieten, ist diese Frage durchaus berechtigt. Wenn sowieso schon klar ist, dass man mal mindestens 10 Coachingeinheiten benötigen wird, nimmt man lieber gleich ein günstigeres Paket.

Leider ist es zu Beginn eines Einzelcoachings garnicht so leicht, diese Fragen zu beantworten: "Wie viele Stunden werden wir denn brauchen?", "Schaffen wir das?", "Meinst du, 5 Termine reichen erstmal?".

Wovon hängt es ab, wie lange du mit deinem Hund "ins Einzeltraining gehen musst"?

Ist & Soll

Ein ganz entscheidender Faktor ist natürlich die Ausgangssituation und dein Ziel. Wie beim Wandern gilt: Je weiter das Ziel entfernt ist, umso mehr Schritte sind nötig, um hinzukommen.

Verhalten mit schlechter Prognose

Manche Verhaltensweisen sind bereits so stark manifestiert, dass die Prognose eher schlechter ist. 

Das betrifft zunächst jedes Verhalten, das bereits sehr lange gemacht, also auch geübt und gefestigt- wurde. Aber auch Verhaltensweisen, die sich für den Hund als extrem effektiv oder lohnenswert erwiesen haben.

Im Bereich des aggressiven Verhaltens kommt natürlich auch die Risikoabwägung dazu. Denn egal, wie gut ein Hund gesichert wird und wie verantwortungsvoll er geführt wird, können Fehler oder Unfälle passieren. Auch das beeinflusst natürlich die Prognose und schränkt möglicherweise auch die Trainingsmöglichkeiten ein.

Lernfähigkeit des Hundes

Nicht jeder Hund ist in gleichem Maße lernfähig. Die Lernfähigkeit wird meiner Erfahrung nach weniger durch "Intelligenz" beeinflusst, sondern vielmehr durch folgende Faktoren:

Gesundheitszustand

Fühlt sich ein Hund körperlich unwohl oder hat sogar Schmerzen, kann es schwierig bis unmöglich werden, erfolgreich zu trainieren. Einfach, weil die Kapazitäten deines Hundes ganz woanders gebündelt sind.

Dazu kommt, dass viele Verhaltensweisen, besonders Abwehrverhalten, Aggressivität, Gereiztheit oder Unsicherheit maßgeblich durch den Gesundheitszustand des Hundes beeinflusst oder sogar ausgelöst werden.

Ein Hund mit Rückenschmerzen verhält sich -ganz simpel ausgedrückt- zunächst einmal vollkommen berechtigt und nachvollziehbar abwehrend aggressiv gegenüber Artgenossen oder Menschen. Würde man hier versuchen das Verhalten zu verändern ohne der Ursache auf den Grund zu gehen und erstmal die Schmerzen beseitigen, könnte der Hund sich nur schwerlich auf das Training konzentrieren, würde das Training an sich als Belastung empfinden und die Ursache oder ein Teil der Ursachen für das störende oder gefährliche Verhalten wäre ja immer noch vorhanden.

Rückfälle und nur mäßige Erfolge wären also vorprogrammiert.

Aus diesem Grund spielt der "Gesundheitsteil" in einer gründlichen Anamnese auch so eine große Rolle. Es kann also sein, dass du zusätzlich zum eigentlichen Training mit deinem Hund auch in die Gesundheit deines Hundes investieren musst.

Der Gesundheitszustand kann auch ein limitierender Faktor sein. Besonders, wenn es sich um unheilbare Krankheiten oder degenerative Geschehen handelt. 

Umgekehrt hat das mentale Wohlbefinden einen ebenso großen Einfluss auf die Gesundheit und viele Verhaltensprobleme beeinträchtigen den Hund nicht nur in der akuten Situation, sondern nachhaltig. So sind Magenbeschwerden, Verdauungsprobleme, Hautkrankheiten, Ohrenentzündungen und Verletzungen am Bewegungsapparat häufige Begleiterscheinungen bei Hunden mit Verhaltensproblemen.

Vorerfahrungen

Je nachdem welche Erfahrungen dein Hund bisher gemacht hat, kann das sogar ein Vorteil sein. In diesem Zusammenhang ist der Fokus auf positive Verstärkung im Training sehr häufig ein sehr großer Vorteil. Jedenfalls, wenn es richtig gemacht wurde. Denn so trainierte Hunde gehen in der Regel optimistisch an neue Herausforderungen und Trainingssituationen heran.

Außerdem ist es natürlich extrem hilfreich, wenn ein Hund Übung im Lernen hat.

Ein Problem -und nicht selten auch Auslöser für Verhaltensprobleme- sind die falsche Umsetzung von positiver Verstärkung. Das betrifft jedoch alle Methoden, die falsch angewandt werden oder wurden. Und das ist leider sehr, sehr häufig der Fall. 

Gelegentlich begegnen mir auch übertrainierte Hunde. Mit diesen Hunden wurde unfassbar viel geübt und ausprobiert. Sie erkennen Trainingssituationen sofort und es erfordert extrem viel Geschick und Geduld, das Rad wieder zurückzudrehen und das Gelernte auf den Alltag zu übertragen.

Auch Hunde, die bereits mehrfach die Erfahrung gemacht haben, dass ein Vorgehen jeweils für einige Tage oder wenige Wochen konsequent befolgt wird und dann im Sande verläuft oder gegen eine vermeintlich bessere Methode eingetauscht wird, glauben ihren Bezugspersonen meist erstmal lange nicht, dass sie es diesmal ernst meinen und zuverlässig dranbleiben.

Einer der Gründe, weshalb ich auch im Einzeltraining ein großer Fan des Kurssystems bin: So wird das Risiko immerhin verringert, dass Hundehalter:innen enthusiastisch beginnen und mit den ersten Hindernissen oder Rückschlägen aufgeben oder mit den ersten Erfolgen faul werden.

 

Neben den Vorerfahrungen im Training spielen natürlich auch die Erfahrungen des Hundes generell eine große Rolle. Oft erlebe ich jedoch die beiden Extreme von entweder:

  • Überdramatisierung negativer Erfahrungen, wobei die Hundehalter:innen meist zusätzlich noch alle möglichen Vermutungen anstellen, was ihr Hund alles Schreckliches erlebt hat, oder
  • Bagatellisierung traumatischer Erlebnisse. Hier kann oder will man sich meist selbst nicht eingestehen, dass vielleicht sogar ein eigener Fehler zu einem schwerwiegenden, psychischen Schaden am Hund geführt hat und dass dies möglicherweise lebenslange Auswirkungen auf den eigenen Hund haben kann.

Beide Extreme haben ihre Berechtigung. Allerdings stelle ich oft fest, dass Menschen besonders bezüglich möglicher Erfahrungen ihres Hundes sehr schnell ihr persönliches Wertesystem anlegen und nicht in der Lage sind, Erfahrungen und deren Auswirkungen auf die Psyche ihres Hundes objektiv zu beurteilen. Besonders in diesem Bereich kann die Perspektive einer Fachperson ein Gamechanger sein.

Beispielsweise, wenn die Hundehalterin immer noch den verängstigten Tierschutzhund sieht, der er vor zwei Jahren war, obwohl der Hund weder körpersprachlich noch insgesamt unsicheres Verhalten zeigt. Natürlich immer kontextabhängig. Dann ist die Information über früheres Verhalten zwar hilfreich, aber oft stecken Bezugspersonen dann dort fest und haben einen sehr subjektiven Blick auf das Verhalten ihres Hundes, das vielleicht überhaupt nicht mehr von Unsicherheit geprägt ist.

Motivation

Wie motiviert dein Hund während des Trainings ist, hängt ganz wesentlich von dir ab. 

Aber natürlich auch von allen anderen Faktoren, die euren Trainingserfolg beeinflussen können. 

Dennoch ist es elementar, dass du verstehst, warum dein Hund etwas tut, was seine Motivation dahinter ist und wie du ihm Alternativen beibringst. Diese müssen mindestens genauso lohnenswerte Effekte haben. Sonst funktioniert es nicht.

Ein Beispiel: Ist der Hauptmotivator deines Hundes seine persönliche Sicherheit, reichen Futterbelohnungen alleine nicht aus. Denn Futter gibt keine Sicherheit. Jedenfalls nicht in der eigentlichen Situation, in welcher dein Hund seine persönliche Sicherheit in Gefahr sieht.

Aber und das ist sehr wichtig: Während des Trainingsprozesses der stattfindet, bevor es um die eigentliche Stresssituation geht, solltest du mit vielen verschiedenen Belohnungen und Verstärkern arbeiten können.

Schaffst du es schon dort nicht, deinen Hund zu motivieren, wird es in den wirklich fordernden Situationen erst recht nicht, ihn zu einem alternativen, aus unserer Sicht besseren Verhalten zu bringen.

Aus diesem Grund ist die Motivation, der bewusste, planvolle und effektive Einsatz von Verstärkern verschiedenster Art ein ganz wesentlicher Faktor in der Arbeit mit Hunden.

Je mehr Motivation dein Hund hat, erwünschtes Verhalten zu zeigen, umso wahrscheinlicher wird es, dass er dies von sich aus anbietet, sich also eigenständig dafür entscheidet und umso schneller werdet ihr im Training Fortschritte machen.

Dein Einfluss

Management

Ganz generell ist es sinnvoll, wenn unerwünschtes Verhalten möglichst selten oder garnicht auftreten kann. Wenn dein Hund also möglichst wenig Gelegenheit hat das, was er nicht mehr tun soll, zu wiederholen und damit regelrecht zu üben. Besonders, wenn du auf der anderen Seite an einer Verhaltensänderung arbeitest.

Nicht jedes Verhalten lässt sich einfach managen, indem man beispielsweise bestimmten Situationen ausweicht. Oft spielen dabei auch ganz praktische Faktoren, wie die Wohnsituation, das Umfeld und Zeit eine Rolle.

Mach dir klar, dass Management kein Training ist. Mit Management alleine wirst du keine spürbaren Fortschritte erzielen. 

Dennoch ist ein erfolgreicher Trainingsprozess ohne Management fast unmöglich.

Hier liegt es also an dir, wie häufig ihr Rückschritte riskiert und erlebt.

Wichtig: Ist es absolut unmöglich, Management zu betreiben, kann dies unter Umständen das Aus für irgendeine positive Prognose bedeuten.

Dein Engagement

Alles, was du zur Lernfähigkeit von Hunden gelesen hast, gilt auch für uns. Nur, dass bei uns noch das dauernde Gedankenkarussell hinzu kommt. Bist du gestresst oder geht es dir nicht gut, sind das keine Voraussetzungen für ein solides Training.

Da Menschen unterschiedlich schnell lernen und theoretischen Input in praktisches Handeln umsetzen können, hängt euer Trainingserfolg also ganz wesentlich davon ab, wieviel du bereit bist zu lernen. Wie steht es um deine Konzentrationsfähigkeit, deine Motivation und deine Bereitschaft, etwas zu verändern?

Üben

Auch das ist eine Variable, die wir Trainer:innen nur bedingt beeinflussen können. Denn unsere Termine sind meist nur die Vorlage für das, was du in den darauffolgenden Tagen und Wochen selbständig und regelmäßig umsetzen musst.

In diesem Bereich kannst du aber selbst in ganz wesentlichem Maße Einfluss darauf nehmen, wie schnell erste Ergebnisse sichtbar sind.

Denn Übung und Routine sind einfach key!

Übst du wenig oder garnicht, wirst du besonders bei Verhaltensproblemen nicht weit kommen oder sogar das Verhalten deines Hundes negativ beeinflussen. Übst du viel, regelmäßig und mit Plan, wirst du mit deinem Hund früher oder später Fortschritte machen.

Equipment

Klingt nebensächlich, ist aber essentiell: Eine gute Ausstattung. Kannst du auf gut sitzendes Geschirr und oder Halsband vertrauen und sicher sein, dass sich dein Hund nicht aus einem von beidem herauswinden kann, hat das einen immensen Einfluss auf deine Souveränität. 

Auch und vor allem Sicherheitsaspekte spielen hier eine wesentliche Rolle: Ein gut sitzender, wirklich sicher haltender und praktischer Maulkorb ist das A und O, wenn es um Fortschritte im Bereich des Aggressionsverhaltens geht. 

Kontrolliere also dein Equipment und lass faires Training nicht an einer gerissenen Leine scheitern.

Mach dir klar, dass deine unbequemen Schuhe das Äquivalent zu einem scheuernden Geschirr sind. Beides stört, nervt und tut auf Dauer weh. 

Die Wahl des Equipments beeinflusst die Dauer eines Einzeltrainings also auch.


Wie lange Einzeltraining dauert hängt also von so vielen verschiedenen Faktoren ab, dass es fast unmöglich ist, dir darüber eine zuverlässige Vorhersage zu machen.


Das zeigt jedoch auch, dass du neben euren regelmäßigen Coachingeinheiten viel dafür tun kannst, dass ihr im Training voran kommt und sich ein Einzelcoaching nicht über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinziehen muss.

 

Es gibt diese Fälle, die sich erstmal kompliziert anhören und dann innerhalb von ein oder zwei Übungseinheiten als "schnell erledigt" herausstellen. Erst kürzlich durfte ich eine Hundehalterin mit ihrer Hündin begleiten, welche seit einem halben Jahr nicht mehr die Wohnung verlassen konnte. Selbst die hinzugezogene Verhaltenstherapeutin kam nicht weiter und Alles sah danach aus, dass diese Hündin den Rest ihres Lebens als "Ausnahmehund" verängstigt und zurückgezogen in geschlossenen Räumen verbringen würde. Bereits nach zwei Terminen spazierte diese Hündin mit ihrer Halterin zwar noch nicht tiefentspannt, aber durchaus neugierig durch's Wohngebiet und genießt mittlerweile stundenlange Spaziergänge durch Frankfurt und den angrenzenden Stadtwald.

 

Genauso kann es aber auch ein langer und zäher Prozess sein, bis sich überhaupt etwas tut und die Halter etwas optimistischer in die Zukunft blicken können. Es ist nicht unüblich, dass in den Bereichen Angst, starke Unsicherheit, aber besonders bei Aggressions- und starkem Jagdverhalten teilweise mehrere Monate und zwischen fünf bis 30 Einzelcoachings zusammen kommen können. 

 

In den Fällen, die sich besonders lange hingezogen haben, oder bei denen sich nur wenig bis gar keine positiven Ergebnisse eingestellt hatten, spielten meist einige der oben genannten Punkte eine große Rolle.

Fazit

  1. Niemand kann vorhersagen, wie lange ein Trainingsprozess dauern wird oder ab wann du Veränderungen am Verhalten deines Hundes feststellst. Solche Versprechungen oder Prognosen sind unseriös.
  2. Auf manche Faktoren hast du keinen Einfluss und nicht jedes "Problem" kann endgültig gelöst werden so, als ob es nie existiert hätte. Das ist sogar nur sehr selten der Fall.
  3. Auf die meisten Faktoren kannst du Einfluss nehmen und damit maßgeblich dazu beitragen, dass dein Hund nachhaltig sein Verhalten ändern kann und wird und ein Einzelcoaching keine never-ending Story werden muss.

Tipp

Falls du aktuell noch keine Hundeschule gefunden hast oder auf den Beginn deines Einzelcoachings wartest, kannst du die Zeit bis dahin effektiv nutzen. Denn wofür oft ein nicht ganz unwesentlicher Teil der Coachingeinheiten drauf geht, sind die grundlegenden Dinge. 

Um dich darüber zu informieren und jetzt schon aktiv zu werden, benötigst du kein persönliches Einzelcoaching. Es ist also nicht die schlechteste Idee, sich bis dahin weiterzubilden und mit deinem Hund den Grundstein für ein erfolgreiches und vor allem effektives Training zu legen. 

Dafür empfehle ich dir meinen "Startklar-Kurs".

Kommentar schreiben

Kommentare: 0