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Luxus Beute

Man sieht die Pfoten eines Hundes vor einem Teller. Die Überschrift lautet: Schlechter Esser? Im Artikel geht es um Hunde, die wenig essen oder häufig ihr Futter verweigern und welche Gründe aus verhaltensbiologischer Sicht es dafür geben kann.

Warum gibt es unter Hunden immer mehr schlechte Esser?

Von einigen, sehr seltenen Ausnahmen abgesehen, interessiert sich jeder Hund für Futter. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: Hunde leben für Beute. Nicht ohne Grund zählt man Hunde auch zu den Beutegreifern.

Warum gibt es dann immer mehr "schlechte Esser"? Wo es doch mittlerweile mehr Futtervarianten gibt, als jemals zuvor? Da muss ja was für jeden dabei sein. Ist es auch. Aber es gibt auch die Hunde, mit denen bereits Alles -und ich meine wirklich ALLES- ausprobiert wurde und trotzdem wenden sie sich nach wenigen Happen gelangweilt oder sogar angeekelt vom Napf ab und hungern lieber. Falls sie hungern. Denn eine immer häufigere Ursache für mäkeliges Fressen ist Überfütterung. Das klingt an sich schon paradox. Denn irgendwann ist (fast) jeder Hund mal satt und viele Hundehalter:innen haben scheinbar eine falsche Vorstellung davon, wie viel ihr Hund essen sollte. Manchmal erlebe ich es auch, dass Hundehalter:innen einfach nicht erkennen können oder wollen, dass ihr Hund augenscheinlich übergewichtig ist und das meist daran liegt, dass er mehr als genug isst. Vielleicht sucht er sich dann nur das Leckerste unter den Angeboten raus und wirkt deshalb mäkelig. 

Ich hatte auch schon Hundehalter in der Beratung, deren Hund wochenlang ausschließlich mit Fleischwurst gefüttert wurde, da er sonst nichts anderes fressen würde und man befürchtete, dass der Hund sonst quasi verhungert.

 

Haben wir vielleicht das richtige Maß verloren?

Besonders Fertigfutter ist in der Regel sehr gehaltvoll. Die Portion, die einen Hund sättigt, sieht irgendwie unangemessen klein aus. Vermutlich ist das einer der Hauptgründe, weshalb dann doch nochmal eine Schippe drauf gelegt wird. "Davon kann man ja wohl nicht satt werden".

Natürlich ist auch nicht jeder Stoffwechsel gleich und der Kalorienbedarf von verschiedenen Faktoren abhängig.

Falls dein Hund jedoch eher übergewichtig ist, als sehr schlank, ist die Erklärung für sein Desinteresse am Futter oder an Belohnungen häufig wirklich so einfach: Die meiste Zeit des Tages ist er schlicht und ergreifend satt. 

 

Immer das Gleiche

Es steht auf jeder Verpackung: Am besten immer nur das Gleiche füttern und Futterwechsel am besten nur gaaaaaanz laaaaaaangsam und möglichst garnicht. Aber ist das sinnvoll? Ja, in gewisser Weise schon. Denn wenn sich der Verdauungsapparat auf ein Hauptfuttermittel einstellen kann, ist die Verwertung meist sehr gut und der Organismus muss für die Verdauung weniger Energie aufwenden. Aber es ist auch sehr langweilig, immer das Gleiche zu essen. Ein wenig Abwechslung in den Speiseplan einzubauen, ohne gleich Alles über den Haufen zu werfen, schadet in der Regel nicht. Gute Ernährung ist nicht nur die optimale Nährstoffmenge.

 

Mein Hund kaut garnicht

Warum auch? Wenn Alles in mundgerechten Häppchen gereicht wird, liegt Schlingen auf der Hand. Hunde sind von Natur aus Schlinger. Sie zerteilen größere Stücke, Knorpel, Sehnen und Knochen. Pflanzenstücke sind meist vorverdauter Mageninhalt oder gekochte Essensreste, die weich sind oder püriert werden, um sie für den Hund leichter verdaulich zu machen. Die Zähne des Hundes sind nicht dafür gemacht zu zermahlen, wie es bei reinen Pflanzenfressern der Fall ist. Abhilfe schaffen da auch keine Antischlingnäpfe. Die meisten Hunde schlingen dann immer noch. Nur eben in kleineren Happen.

Intensives im Maul Umherschieben und langes Kauen von kleinen Trockenfutterstücken kann ein Zeichen für Zahnprobleme oder Zahnfleischentzündungen sein. Auch unsichere Hunde fressen manchmal sehr bedächtig, langsam und vorsichtig. 

 

Mein Hund mag ein Futter immer nur kurz und verweigert es dann

Möglicherweise ist dein Hund ein großer Fan der Abwechslung und langweilt sich schnell. Probiert man nach einigen Tagen des Futterverweigerns was Neues aus oder wertet das Futter mit Zusätzen geschmacklich auf, kann es dazu führen, dass dein Hund lernt: Wenn ich faste, kommt etwas Besseres oder einfach etwas Anderes nach. Nicht zu Essen kann also zu einem lohnenswerten Verhalten werden. 

Sollte man also durchhalten und keine Alternativen anbieten?

Nicht unbedingt. Das hängt wirklich sehr vom individuellen Fall ab und kann man nicht pauschal beantworten.

Manche Hunde haben einfach gelernt, dass es ihnen Zuwendung, Aufmerksamkeit und spannende Menüvorschläge bringt, wenn sie vermeintlich hungernd vor Rindertatar und Spiegelei sitzen. Andere Hunde mögen generell mehr Abwechslung auf dem Speiseplan und haben herausgefunden, wie sie das Personal entsprechend zu neuen Kreationen anregen können.

Es gibt aber natürlich auch andere Gründe und manchmal ist es eine häufig vorkommende Zutat in Futtermitteln, die ein Hund nicht verträgt oder nur in einer gewissen Menge und deshalb auf viele Futtersorten irgendwann empfindlich reagiert.

 

Mein Hund nimmt draußen generell kein Futter

Auch das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Stress, Überforderung, Ablenkung oder andere Prioritäten. Das sichere Wissen, dass dafür später noch genügend Zeit ist und draußen andere Dinge erledigt werden müssen oder einfach mangelnde Übung.

Warum die wertvolle, möglicherweise knapp bemessene Spaziergangszeit mit Essen verplempern, wenn zu Hause der stets gefüllte Napf wartet?

Fressen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme

Auch als Kulturfolger fällt Hunden das Essen meist nicht einfach so zu. Gebrauchshunde tun ihre Arbeit, tragen ihren Teil zum Nahrungserwerb bei und erhalten nach getaner Arbeit ihren Anteil in Form von Futter, Getreidebreien, Schlachtabfällen oder Resten. Als verwilderte Haushunde oder Streuner suchen Hunde nach Resten, durchwühlen Mülltonnen oder warten stundenlang vor Kneipen, und an Futterplätzen, bis ihnen etwas zufällt. Manche suchen nach Aas, auch gerne mal Sch.. oder jagen in selteneren Fällen Kleintiere und verspeisen sie.

Es ist immer noch verankert, dass der Nahrungsaufnahme irgendeine Leistung oder Anstrengung vorausgeht: Beobachten, Abwarten, den richtigen Moment abpassen und genau dann zur Stelle sein, wenn etwas weggeworfen wird. Nach Unrat suchen, wühlen, Verpackungen aufreißen, sich in dunkle Ecken vorwagen, größere Beute wegtragen, möglicherweise verteidigen oder teilen. 

Auch wenn unsere Hunde häufig keine vollständige Jagdsequenz mehr zeigen und Beutetiere selten orten, beobachten, sich anpirschen, hetzen, packen, töten und verspeisen, liegt es ihnen immer noch, eine großen Teil ihrer Zeit mit der Suche nach Beute oder vergleichbaren und ähnlichen Tätigkeiten verbringen.

 

Sind wir mal ehrlich: Nichts schmeckt köstlicher als ein Essen auf dem Berggipfel. Müde, hungrig aber zufrieden nach der körperlichen und mentalen Betätigung verlangt der Körper nach Kalorien: Futter! Jetzt!! Selbst die morgens noch schnell zusammengeklatschte Brotzeit erscheint dann wie eine Offenbarung. Hunden geht es meiner Beobachtung nach ähnlich.

 

Sicher muss es nicht immer der Gewaltmarsch auf einen Gipfel sein. Aber den Stoffwechsel ein wenig in Schwung zu bringen, sich körperlich zu betätigen, das zu tun, was man als Hund auch genetisch bedingt tun würde, um an Nahrung zu kommen und diese dann genüsslich zu verspeisen ist schon etwas Anderes, als morgens noch vor dem ersten Schritt "Klong", den Napf vor die Nase gesetzt zu bekommen.

 

Als BEUTEGREIFER.

 

Whaaaat? Wäre ich Hund, ich wäre beleidigt.

 

Füttern ist Fürsorge und Liebe. Indem wir gerne in die teuren Futtermarken investieren oder einen ausgeklügelten Barfplan erstellen lassen, zeigen wir unsere Zuneigung und Verantwortung. Wir wollen, dass es unserem Tier ernährungstechnisch an möglichst Nichts fehlt. Wer hat schon mal 5 Euro für gerade einmal 100 Gramm Bioleckerli ausgegeben?

Die Zeiten, in denen Hunde absichtlich "kurz gehalten" wurden sind lange vorbei. Zum Glück. Wenn Alles immer sofort zur Verfügung steht und man sich dafür nicht anstrengen muss, verliert es möglicherweise an Wert. 

Ehrlicherweise ist es auch eine sehr einfache Form uns zu versichern, dass wir gute Hundeeltern sind, wenn wir gerne richtig viel Geld für gutes Futter ausgeben. Kostet zwar mehr Geld, aber nicht mehr Zeit. Wie praktisch. Er hat ja Alles was er braucht und davon nur das Beste! Ist das wirklich so?

 

Vielleicht betteln manche Hunde am Tisch für ein kleines Stück Brot deshalb mit so viel Leidenschaft, weil die Freude über die Errungenschaft einfach groß ist und Spaß macht. Und vielleicht ist das verschimmelte Brötchen am Main deshalb ein besonders verteidigungswürdiger Schatz, weil man es selbst erschnüffelt, gefunden und gerade noch rechtzeitig vor dem Menschen in Sicherheit gebracht hat. 

 

Fressen ist also nicht nur das Aufnehmen von möglichst viel Futter in möglichst kurzer Zeit, sondern eigentlich viel mehr. Wurde etwas potenziell Essbares weggetragen, muss es manchmal erst zerteilt werden. Es wird benagt, Teile davon manchmal versteckt, stolz präsentiert, gefressen und danach zufrieden gedöst. Um das Beutemachen und Verspeisen mit allem, was dazugehört, dreht sich bei sozialen Lebewesen auch viel Sozialverhalten. Eigentlich ein bisschen, wie bei uns Menschen.

Futter verdienen lassen?

Wenn ich davon spreche, dass es vielen Hunden nicht nur Spaß macht und sie auslastet, wenn sie etwas für ihr Futter tun dürfen, sondern auch Appetit macht, meine ich damit nicht, dass sich ein Hund unbedingt jedes bisschen Nahrung hart erkämpfen sollte. Das wäre kontraproduktiv und stresst. Für einen kurzen Zeitraum ist dies von Fall zu Fall sicher mal in Ordnung, aber dauerhaft keine schöne Situation für den Hund. Möglicherweise führt das sogar zu gesteigerter Futteraggression oder Ressourcenverteidigung. Futter verdienen zu lassen, bedeutet also nicht den Hund hungern zu lassen oder ihm den Zugang zu Nahrung komplett zu verunmöglichen. 

 

Was meine ich also mit "Verdienen"?

Dabei geht es mehr um eine Veränderung des Wie. Wenn dem Essen ein wenig Anstrengung vorausgeht, fördert das die Lust auf's Fressen. Simple Varianten, die wirklich jeder Umsetzen kann:

  • Platziere den Napf an einem versteckten Ort und lass deinen Hund sein Abendessen suchen.
  • Teile die Futterration in mehrere Portionen und füttere einen Teil davon aus der Hand, wenn dein Hund zu dir kommt oder kleine Aufgaben absolviert.
  • Füttere deinen Hund einfach mal an einem ruhigen Ort außerhalb eurer Wohnung oder mach ein Picknick.
  • Unternim etwas mit deinem Hund, was ihn fordert. Gehe auf verschiedenen Untergründen, lass ihn klettern oder sein Futter draußen finden, indem er sich ein bisschen anstrengen muss, um dran zu kommen.
  • Pack das Futter in einen alten Strumpf (der zerrissen werden darf) oder in einen Pappkarton ein.
  • Verteile sein Futter im Garten oder auf einer geschützten Wiese (auf der keine Nutztiere weiden und wo ihr alleine seid).

Umso schöner ist es, wenn es dann auch einfach mal so eine große Portion für ganz umsonst, einfach aus dem Napf an der gewohnten Stelle und zur gewohnten Zeit gibt.

Daran merkst du auch schon: Es muss nicht jeden Tag ein Riesenabenteuer sein, bis es endlich was zwischen die Zähne gibt. Gewohnheiten und in aller Ruhe essen zu können hat ebenfalls seine Vorzüge.

Talente ausleben und entdecken

Das Apportieren von Futterdummys ermöglicht das Ausleben von jagdlichen Elementen ohne, dass Jagdverhalten außer Kontrolle gerät. Hierbei kannst du deinen Hund ein mit Futter gefülltes Apportel suchen und bringen lassen.

Dabei kann die Suche nach dem Dummy abwechslungsreich und anspruchsvoll gestaltet werden oder beim Zurückbringen sind Hindernisse zu überwinden. So kann dein Hund seine Nase einsetzen oder sich eine Fallstelle merken, mutig unter Hindernissen durchkriechen, den Dummy ausgraben, ihn vielleicht irgendwo runterzerren und dann zu dir bringen. 

Die Füllung des Dummys kann variieren: Du kannst ihn mit dem normalen Futter deines Hundes oder besonders Leckereien befüllen. Das hängt anfangs auch ein wenig vom Hund ab und natürlich vom Übungsgrad. Denn bevor der Spaß richtig losgeht, muss das Apportieren natürlich geübt werden. 

Dein Hund ist ein "schlechter" Esser?

Bevor du etwas an der Ernährung deines Hundes veränderst, solltest du organische Ursachen, Unverträglichkeiten oder psychische Ursachen die über den Faktor Langeweile hinausgehen, ausschließen lassen. Auch Stress, Angst, eine Fehlverknüpfung oder ein Trauma kann zu verändertem Essverhalten oder vermindertem Appetit führen.

Wichtig ist zunächst körperliche Ursachen auszuschließen. 

Ist dein Hund offiziell tip top gesund und zeigt auch ansonsten keine Auffälligkeiten, kannst du Folgendes tun:

  1. Gestalte das Futter abwechslungsreicher und ergänze es mit anderen Zutaten so, dass der Geschmack nicht immer der Gleiche ist. Probiere anfangs vorsichtig aus und lass dich eventuell fachlich beraten. Beginne damit nicht genau dann, wenn dein Hund sein Futter verschmäht, sondern viel früher.
  2. Lass dem Füttern Bewegung oder Kopfarbeit vorausgehen oder verbinde beides.
  3. Variiere die Darreichungsart.
  4. Nutze die Ideen aus diesem Artikel und werde kreativ.
  5. Lerne mehr über das Dummytraining.

Mach dir bewusst, dass Darreichungsform und Inhalt noch so hochwertig  und gut gemeint sein können. Vielleicht ist genau das ein Problem, weil es einfach furchtbar langweilig ist, jeden Tag das Gleiche, zur gleichen Zeit am gleichen Ort und den gleichen Bedingungen zu essen.

Lass dich nicht entmutigen, wenn es etwas Ausprobieren und viele Versuche braucht, bist du herausgefunden hast, was deinem Hund Spaß macht.

Trage deinem Hund sein Futter nicht hinterher, mach keine allzu große Sache daraus, wenn er mal nicht isst und zwinge ihm Futter nicht auf. Stell sein Futter weg und biete es ihm zu einem späteren Zeitpunkt nochmal an.

Manche Hunde brauchen weniger Futter, als auf der Verpackung steht oder empfohlen wird. Andere mehr. 

 

Lass dich unbedingt beraten, falls du vermutest, dass mehr hinter der Futterverweigerung oder "mäkeligem" Essen steckt. Folgende Anlaufstellen solltest du dann konsultieren:

  1. Tierärztliche Praxis
  2. Ernährungsberatung
  3. Verhaltensberatung/Hundetrainer:in

Übrigens: Falls dein Hund ist so guter Esser ist, dass er einfach wahllos jeden Snack gerne mitnimmt, kann auch das, neben anderen Ursachen, ein Zeichen von Langeweile sein. Wer mit einer sinnvollen und zielführenden Aktivität beschäftigt ist, hat weniger Zeit und Interesse daran, sich eine eigene zu suchen.

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