· 

Beziehung und Bindung

Wir alle möchten eine gute Beziehung zu unserem Hund haben. Aber was bedeutet das überhaupt? Nicht selten kommen Hundehalter zu mir ins Training und berichten davon, dass ihnen in einer anderen Hundeschule eine schlechte Bindung attestiert wurde. Das schmerzt und verunsichert...und ohne Anleitung führt es meist eher zu noch mehr Schwierigkeiten. 

Photo by Wesley Gibbs on Unsplash
Photo by Wesley Gibbs on Unsplash

Wie entsteht Bindung bei Hunden?

Kaniden, also Hunde und Hundeartige, leben meist im Familienverband, welcher sich durch ein sogenanntes elterliches System auszeichnet. Der Familienverband ist der Inbegriff für Verbundenheit und das Gefühl der Zusammengehörigkeit wird durch verschiedene Rituale immer wieder gestärkt.

Innerhalb des Familienverbandes sind die Elterntiere vor allem für die Sicherheit des Nachwuchses zuständig. Diese Verantwortlichkeit färbt auf alle Bereiche ab. Im vollständigen Familienverband leiten die Elterntiere ihre Welpen an und verhalten sich vorbildhaft. Das bedeutet: Welpen lernen enorm viel durch Nachahmung. Die Elterntiere geben ihre Lebenserfahrung an ihren Nachwuchs weiter und werden somit zur wichtigsten "Bezugsperson". Vor allem, wenn alle wichtigen Grundbedürfnisse gestillt werden, entsteht eine sichere und stabile Bindung.

Was sind die Grundbedürfnisse meines Hundes?

Die Grundbedürfnisse des Hundes werden gerne anhand der Maslow-Pyramide dargestellt, die eigentlich die Grundbedürfnisse des Menschen darstellen soll. Ich halte diesen Ansatz für unvollständig und manchmal auch missverständlich, wenngleich er eine gute Orientierung bietet und häufig herangezogen wird, um zukünftigen Hundehaltern einen Überblick über die Bedürfnisse eines Hundes zu geben. Nach dieser Theorie ist es unsere Aufgabe als Hundehalter, folgende Grundbedürfnisse zu stillen:

  1. Physiologische Grundbedürfnisse: Wasser, Fressen, Schmerzfreiheit, Sauerstoff, Schlaf & Ruhe, körperliche & geistige Auslastung, 
  2. Schutz und Sicherheit: Gewohnte Umgebung, sicherer Schlafplatz, Schmerzfreiheit, Angstfreiheit, ungestörter Ruheplatz, Routinen, Regeln, verlässliche Bezugsperson,
  3. Gruppenzugehörigkeit / Soziale Bedürfnisse: Sozialkontakt zum Menschen und zu Artgenossen,  
  4. Anerkennung / Wertschätzung: Respekt, Lob und echte Anerkennung, eigene Erfolgserlebnisse und gemeinsame Aktivitäten, faires Training mit einem Menschen, der Freude am hündischen Verhalten hat,
  5. Selbstverwirklichung / Individualität: Aufgaben, Freiraum für eigene Bedürfnisse und Erfahrungen & "Hund sein" dürfen.

Ist Beziehung und Bindung das Gleiche? Definitionswirrwarr.

Eine Beziehung besteht im Grunde immer dann, wenn auch Kommunikation besteht. Wobei auch Nicht-Kommunikation Kommunikation ist. Bedeutet: Eine Beziehung hat dein Hund zu jedem Lebewesen, mit dem er in irgendeiner Form kommunizieren könnte oder es tatsächlich tut. Dieser Zustand sagt noch nichts über die Qualität der Bindung zwischen zwei Sozialpartnern aus.

Damit eine Bindung entstehen kann, ist das Vorhandensein einer Beziehung jedoch die Grundvoraussetzung.

Wie entsteht die Hund-Mensch-Bindung?

Die Beziehungsformen, die Hunde eingehen, können -so wie ihre Bezugspersonen- ebenfalls vollkommen unterschiedlich sein. Die Art der Beziehung und ob daraus eine echte Bindung wird, ist stark davon abhängig, welche Bedeutung die Person für den Hund hat (Jan Nijboer, Partner Hund, Feb. 2018).

In gewisser Weise ersetzt der Hundehalter lebenslang die Elterntiere. In der Elternrolle sind wird also permanent Vorbild, Lehrer und verantwortlich für das Sicherheitsbedürfnis des Hundes. Außerdem zeigen wir unserem Hund sinnvolles Verhalten um weitere Bedürfnisse stillen zu können. Diese nennt man auch "lebenspraktische Fertigkeiten". Sowas wie: Wie finde ich Futter, wie öffne ich Futtertonnen, wie finden wir Fremde, was macht Spaß usw.). Eben so, wie auch Hundeeltern (genau wie Menscheneltern) ihrem Nachwuchs möglichst viele lebenspraktische Fertigkeiten beibringen, tun wird dies im Rahmen einer guten Bindung auch in der Beziehung zu unserem Hund. 

Was mach ich jetzt mit dieser Information?

Betrachtet man den Ansatz der Bindungsarbeit ganzheitlich, ist es unmöglich, strikt nach einer Methode zu arbeiten und zu trainieren. Dazu kommt, dass echte Bindung nicht "gearbeitet oder trainiert" werden kann. Sie passiert die ganze Zeit, in jeder Sekunde des Zusammenseins. Training nicht.

Im Hundetraining gibt es zwei Hauptströmungen, die immer wieder aufeinanderprallen: Die Belohnungsfans und die Keks-Hasser.

Ich konnte mich bisher nie ganz festlegen und möchte das auch garnicht. Fressen ist ein Grundbedürfnis und dieses bestimmt wesentliche Teile des Hundealltags und -verhaltens. Aber eben auch nicht nur. Fühlt sich mein Hund bedroht, verschwindet dieses Gefühl nicht, wenn er in dieser Situation einen Happen Futter erhält. Möchte ich ihm aber zunächst eine noch unbekannte oder lange vergessene Verhaltensalternative näher bringen und diese möglichst häufig üben, kann es durchaus Sinn machen, dass Wegdrehen und Verlassen aus brenzligen Situationen zunächst mit Futter zu erarbeiten und zu belohnen.  So übt sich ein Signal auf einfache und lohnenswerte Weise ein, ohne, dass dem Hund bisher ein besonderer Sinn klar ist. "Sinnhaft" wird das Verhalten "Wegdrehen" ja erst, wenn der Hund die Erfahrung macht, dass das Verlassen bestimmter Situationen an sich lohnenswert und sinnvoll ist.

Aber: Stehe ich dann in der Hundebegegnung selbst da und brülle den anderen Hundebesitzer an, weil er seinen Hund nicht abruft, bin ich eben auch gleichzeitig schlechtes Vorbild und Überträger von Stimmung. Was glaubst du, wirkt mehr? Die Leberwirsttube in deiner Hand oder die stressige Gesamtsituation? Wie kann ich also von meinem Hund besonnenes Verhalten erwarten, wenn ich selbst schnell an die Decke gehe und Fremden gegenüber feindselig eingestellt bin?

Es ist also immer eine Kombination aus mehreren Faktoren, die sich sinnvoll ergänzen können: 

  • Für die Sicherheit meines Hundes sorgen und zwar so, dass mein Hund dies deutlich erkennen kann (Den Dackel an der Leine aus der Gefahrenzone zu "heben" und quer durch die Luft segeln zu lassen, erfüllt dieses Kriterium aus Sicht des Hundes übrigens nicht).
  • Täglich die Erfüllung der physiologischen Grundbedürfnisse, vor allem nach Wasser, Futter, einem sicheren Ruheplatz, ausreichend Ruhephasen und Bewegungsmöglichkeiten, sozialer Interaktion und Kontakt zu Artgenossen zu gewährleisten.
  • Die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse meines Hundes einerseits zu befriedigen aber auch zu begrenzen, dort, wo es stört oder gefährlich werden könnte. 
  • Im Rahmen der Grunderziehung und rassespezifischer Auslastung, konsistentes Training und zuverlässige, gleiche Umgangsformen.

Futterbelohnungen zur Stärkung der Bindung?

Jein. Besteht die Beziehung zum Hund ausschließlich oder überwiegend aus Futterbelohungen, hat das nichts mit Bindung zu tun. Dennoch ist es vollkommen legitim die Futterbeschaffung in das Training einzubinden und besonders dann, wenn es darum geht, dem Hund Grundsignale oder nicht-arttypische Verhaltensweisen beizubringen (z.B. Tricks), ist das Belohnen über Futter ein großer Hebel. Genauso fällt mir im Hundetraining häufig auf, dass die ersten Schritte einfach leichter sind, wenn mit Futter belohnt wird: Der Mensch kann an seinem Timing arbeiten, der Keks schließt sozusagen den Kreis und ersetzt kurzfristig aufrichtiges und abwechslungsreiches Belohnen, denn der Mensch ist meist so konzentriert, dass authentisches, gut getimetes Lob oder Euphorie garnicht immer geht.

Trotzdem sollten Leckerlies nicht unabdingbar und der Hauptbestandteil des Miteinanders werden. Belohnt man Verhaltensweisen, die eigenmotiviert oder selbstbelohnend sind, ersetzt man diesen Eigenantrieb durch die Motivation: Ich liege ruhig auf meiner Decke, weil ich dann einen Keks bekomme und nicht mehr: "Weil ich das Bedürfnis habe, mich zu entspannen und grade alle zu Ruhe kommen (beispielsweise).

 

Was das Hundetraining anbetrifft, lässt sich unser Umgang in zwei große Kategorien teilen: Training und Erziehung. Auch ich musste schmerzlich lernen, dass ein gut trainierter Hund nicht unbedingt gut erzogen sein muss und umgekehrt.

Im Training, altertümlich auch als "Dressur" bezeichnet, ist der Einsatz künstlicher Belohnungen (Futter, Spielzeug etc.) meist das Mittel der Wahl und liefert gute Ergebnisse. So kann ich über reines Futterbelohnen auch einem mir vollkommen fremden Hund relativ schnell simple Signale und Verhaltensweisen beibringen. Ohne, dass dieser fremde Hund und ich in irgendeiner Form eine Bindung zueinander haben. Wie stehen nur "in Beziehung".

Kommen wir aber in den Bereich der Erziehung, welcher unmittelbar mit Bindung zusammenhängt, sieht es schon ganz anders aus. Hier geht es um Sicherheit, Vertrauen in den Sozialpartner, Respekt, Zuständigkeiten, den Umgang mit der Außenwelt, Kontrolle von Ressourcen und vielem mehr. Besonders schwer fällt vielen Hundehaltern dieser Bereich, weil wir hier weniger nach Schema F vorgehen können. Jede Situation ist anders und es ist Authentizität gefragt. Unser Hund erkennt sofort, ob wir aufrichtige Zuneigung oder Ruhe und Entspannung spüren, zeigen und leben, ob wir Selbstsicherheit ausstrahlen oder selbst unsicher und unentschlossen sind. Dabei können wir ihm noch so viele Leckerlies in den Rachen werfen. Das Füttern wird unsere "Grundstimmung" und unsere Intention nicht überdecken. Vor allem aber: Das Problem des Hundes nicht lösen oder die eigentliche Frage des Hundes nicht beantworten: "Wie gehe ich mit dieser Situation um"? Jedenfalls nicht in die gewünschte Richtung. Schlimmer noch, kann es passieren -und das ist garnicht so selten- dass der Hund seinen Menschen kaum noch als Ansprechpartner wahrnimmt, sich an anderen Bezugspersonen oder Artgenossen orientiert und seinen Menschen nicht mehr in seine Entscheidungen miteinbezieht. Er entscheidet selbst und unabhängig vom Menschen.

Futterbelohnung ist also ein Element unter vielen, in einem großen Geflecht aus Beziehung, Bindung und Training. Es darf temporär, im Training, einen größeren Raum einnehmen, sollte aber in der Bindung zwischen Hund und Mensch eine untergeordnete Rolle spielen.

Die "gute" Bindung

Eine gute Bindung des Hundes an seinen Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass der Hund sicher sein kann, dass sein Mensch keine Gefahr für ihn darstellt, obwohl dieser auch mal Grenzen aufzeigt. Dieser Mensch ist aus Sicht des Hundes eine Art "Lebensversicherung", Rückhalt und Bereicherung: Der Hund lernt von und durch seinen Menschen Dinge, die ihm in seinem Leben, also aus Sicht des Hundes, nützlich sind. Der Hund lässt sich von seinem Menschen begeistern und orientiert sich an ihm.

Die "schlechte" Bindung

Ich finde, der Begriff "schlechte" Bindung klingt so vernichtend, dass er die Situation nur zusätzlich erschwert. Dennoch fällt unter diesen Begriff erstmal alles, was zwar über eine reine Beziehung hinaus geht, aber weit von einer stabilen und guten, sicheren Bindung entfernt ist.

Hat mein Hund eine unsichere Bindung zu mir?

Dies ist der Fall, wenn dich dein Hund mag und augenscheinlich supernett findet. Dennoch stuft er dich wohl eher als naiv und unwissend, als nicht zuverlässig und zu unbedarft ein. Er erhält von dir keine Hilfe, wenn es aus seiner Sicht bedrohlich ist und du bist für deinen Hund kein Vorbild. Aus Sicht des Hundes hat er zwar Spaß mit dir, lernt aber keine "lebenspraktischen Fertigkeiten" (siehe oben). Oft fühlt sich der Hund für seinen Menschen "zuständig" und in brenzligen Situationen wird deutlich, dass der Mensch seinem Hund nicht ausreichend Sicherheit gibt.

Geht's noch schlimmer? Die unsicher-vermeidende Bindung

In der unsicher-vermeidenden Hund-Mensch-Bindung zeigt sich deutlich ein zerrüttetes, abweisendes, distanziertes Verhältnis. Der Hund ist viel für sich, vermeidet die Nähe zu seinem Menschen, sucht selten den direkten Kontakt als Selbstzweck. In solchen Bindungen fallen Hunde meist durch "Nicht-Auffallen" auf und agieren häufig stark konfliktvermeidend. Aus Trainersicht beobachte ich häufig, dass die Beziehung des Menschen zu seinem Hund im Alltag stark durch Beurteilung und Bewertung geprägt ist, wenn auch meist unbewusst. Oft beobachte ich auch, dass die Menschen in einer solchen Bindung entmutigt, resigniert, traurig und enttäuscht, manchmal sogar eifersüchtig auf andere Bezugspersonen des Hundes, sind und es scheint manchmal so, als wurde die Bindung zum Hund bereits aufgegeben. Der prägendste Satz den ich dazu einmal gehört habe: "Ich habe mir den Hund ja angeschafft, um Spaß zu haben. Wenn der sich nicht ändert, geb ich ihn ab. Würde mir zwar leid tun, aber so isses halt". Der betreffende Hund hatte durch sein zurückhaltendes Wesen und seinen mangelnden Enthusiasmus im Hundetraining, einfach nicht die Erwartungshaltung erfüllt und mehr oder weniger "vergessen". Gemeinsame Spaziergänge waren lästige Pflicht, der Hund vermied die spannungsgeladenen Situationen, in denen ausdiskutiert wurde, wer nun Gassi geht und zog noch mehr Ungeduld auf sich, woraufhin er sich bald komplett verzog, sobald es hektisch wurde. Da er nun fast garnicht mehr am Familienleben teilnahm, gehörte er auch bald nicht mehr so richtig dazu. Eine typische Spirale von enttäuschten Erwartungen, unrealistischen Vorstellungen vom Aufwand, den ein Hund machen kann und einem Vierbeiner, der extrem konfliktvermeidend förmlich "verschwindet".

Jetzt reicht's: Die ambivalent-instabile Bindung

Je launischer der Mensch umso widersprüchlicher sein Verhalten gegenüber seinem Hund. Konsequent inkonsequentes Verhalten zeichnet sich meist dadurch aus, dass aus Sicht des Hundes unvorhersehbar die Stimmung kippt und der Mensch überraschend und unangemessen reagiert. 

Ganz oft beobachte ich diese Bindungsform bei Menschen, die ihren Hund in vielen Situationen "machen lassen" und diesen nicht weiter beachten, insofern er sie selbst nicht nervt. Ein Beispiel wäre, dass der Hund quer über die Hundewiese toben darf, überall hinrennen und reinplatzen darf, bis sich ein anderer Hundehalter beschwert. Dann wird der Hund (meist zum ersten Mal seit Betreten der Wiese) gerufen und...kommt natürlich nicht. Warum auch? Die ganze Zeit durfte er ja auch begrüßen und überall hin, wo es gerade spannend war. Wurde er gerufen, war es auch ok, wenn er lediglich etwas näher kam und hat sich im Vorbeirennen vielleicht sogar noch eine Belohnung abgeholt. Und jetzt soll er plötzlich akkurat und Gewehr bei Fuß funktionieren? Es kommt was kommen muss: Der Mensch fühlt sich gedemütigt, wird gestresst (der andere Hundehalter regt sich zu Recht immer mehr auf), muss jetzt seinen Hund einfangen und das passiert dann meistens unsanft und schlimmstenfalls noch unangemessen grob, begleitet von irgendeiner Art von Strafe, die mehr für die Umwelt als für den Hund gedacht ist...die dieser aber dennoch abbekommt. 

Der Wechsel zwischen äußerst sanften und nachlässigen Umgangsformen bis hin zu übertriebenem Belohnen und Loben zu unverhältnismäßig groben Umgang oder Bestrafen "wenn das Maß voll ist" ist bei dieser Umgangsform ein Klassiker. 

Der Hund schätzt seinen Menschen aufgrund dessen ambivalenten Verhaltens als unberechenbar, nicht einschätzbar und aus seiner Perspektive sogar als gefährlich ein. 

Heute so, morgen so: Orientierungsloser Hochadel

Auch hier geht es um, für den Hund, schwer nachvollziehbares Verhalten, aber weniger um krasse Widersprüche. Dennoch liegt auch hier das Problem in ständig wechselnden Umgangsformen. Ganz oft werden diese Hunde sogar auf den ersten Blick ganz besonders gut behandelt, erhalten nur das Beste und leben bei ausgesprochen engagierten Hundehaltern. Leider wird meist auch eine Art "Hundeschul-Tourismus" betrieben. Wobei ich hier betonen möchte, dass ich es grundsätzlich toll finde, wenn Hundehalter sich informieren, Seminare besuchen, Neues dazulernen möchten und auch mal über den Tellerrand ihrer bevorzugten Hundeschule hinausschauen. Leider passiert es aber oft, dass teilweise im wöchentlichen Rhythmus neue Regeln aufgestellt werden und mindestens 10 mal im Jahr das gesamte Erziehungskonzept auf den Kopf gestellt wird. Manchmal auch nur aufgrund der Tipps des Nachbarn, der schon seit 30 Jahren Hunde hat und dessen Waldis alle gleich gut gehört haben. Der muss es ja wissen. Dabei geht es weniger darum, dass die eine Methode besser oder schlechter ist, als die andere, oder dass der Nachbar nicht auch wirklich ein paar gute Ratschläge auf Lager hat, sondern vielmehr wird diese Hund-Mensch-Bindung dadurch bestimmt, dass der Mensch aus Sicht des Hundes keinerlei konsistentes Verhalten an den Tag legt und regelmäßig neue Erziehungsmethoden ausprobiert. Tritt der gewünschte Effekt nicht unmittelbar ein oder kreuzt den Trainingsplan eine neue, bisher noch nicht gekannte Methode, das motivierende Seminar der letzten Woche oder sogar die Anleitung in einem Buch, wird das Gesamtkonzept über den Haufen geworfen und nicht nur anders trainiert, sondern sich insgesamt "anders verhalten". Zurück bleibt ein verwirrter Hund, der bald keine Lust mehr hat, zuzuhören oder zu kooperieren. Im Hundetraining handelt es sich bei diesen Hunden meist um Vierbeiner, die kurz bei der Sache sind und neue Übungen oder Regeln mit Neugier und Eifer zur Kenntnis nehmen, dann aber schnell das Interesse verlieren und sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten zuwenden. Das menschliche Pendant sind wissbegierige Hundehalter, die gestern noch unbedingt die Sache mit Zirkeltraining machen wollten, sich dann kurzfristig doch für Mantrailing entscheiden und parallel seit einigen Tagen den Liegeplatz des Hundes der neuen Methode angepasst haben, der Hund jetzt doch nicht mehr ins Bett darf, obwohl er es zuvor eine Woche durfte, sogar sollte, wegen des Kontaktliegens, davor aber auch schon nicht und im Alltag mit dem Hund jetzt 14 Tage nicht gesprochen wird, um sich ganz auf Körpersprache und nonverbale Kommunikation zu konzentrieren.

Kurzum: Aus Sicht des Hundes lohnt es sich bald kaum mehr, sich auf den Menschen einzustellen. 

Bin ich für meinen Hund eine Bezugsperson?

Photo by Jake Oates on Unsplash
Photo by Jake Oates on Unsplash

Man könnte die Frage auch anders stellen: Bezieht sich dein Hund auf dein Verhalten? Daraus muss nicht unbedingt erwünschtes Verhalten resultieren, aber es zeigt: Mein Hund orientiert sich an mir. Ist er aufgeregt, wenn du es bist? Ahmt dein Hund dein Verhalten nach? Beispielsweise in Hundebegegnungen? Oder bist es eher du, der abwartet, was der Hund tut und dann entsprechend reagiert?

Ist es so, dass dein Hund zu dir kommt, wenn er sich vor etwas fürchtet, erschrocken hat oder sogar verletzt? Oder flüchtet er lieber an dir vorbei und sucht unter Möbelstücken, Gebüschen oder einem Auto Schutz? Ist er an gemeinsamen Unternehmungen interessiert oder macht er sein eigenes Ding? Wie sieht es auf Distanz aus? Achtet er dann noch auf dich oder scheint es so, als hättet ihr rein gar nichts miteinander zu tun?

Kannst du dich von deinem Hund entfernen und er wartet geduldig oder wird er nervös, unsicher, läuft dir hinterher, begrenzt oder stoppt dich sogar?

Mir haben diese Fragestellungen enorm weitergeholfen. Zum Einen, um zu erkennen, dass ich durchaus eine enge Bindung zu meinen Hunden habe und sich beide an mir orientieren. Ich habe aber auch erkannt, wo ganz klar meine persönlichen Defizite liegen und wo ich selbst so unsouverän oder wenig kompetent bin, dass es nicht verwunderlich ist, dass meine Hunde sich in brenzligen Situationen unerwünscht verhalten: Hier bin ich schlicht kein gutes Vorbild und muss erstmal an mir arbeiten, bevor ich am Verhalten meiner Hunde "rumtrainiere".

 

Um Dir ein Beispiel zu geben: Ich hatte eine ganze Weile viele unschöne Situationen zwischen Hunden und Menschen erlebt und mich mit dieser Thematik sehr intensiv befasst: Hunde die ohne große Vorwarnung schnappen, die angstaggressiv nach vorne gehen oder lautstark Passanten verbellen, die nur mal eben einen freundlichen Blick rübergeworfen haben. Hundebesitzer, die hysterisch eine harmlose Kabbelei zur schlimmsten Beißerei des Jahres hochstilisierten, die Imponierverhalten bereits als hochaggressives, nicht tolerierbares Verhalten deklarierten und sich gegenseitig bepöbelten während ihre Hunde schon längst gemeinsam auf Mäusebuddeljagd gingen, Menschen, die ihren Hund als supernett einstuften und innerhalb von drei Monaten bereits 5 Tierarztrechnungen zu zahlen hatten, nachdem die Opfer ihres "Der-tut-nix" wieder zusammengeflickt wurden, dass ich in Begegnungssituationen jedweder Art bereits weit im Vorhinein die Flöhe husten hörte.

Viel zu wissen ist nicht immer ein Vorteil, denn man hat auch immer im Hinterkopf, was jetzt Alles passieren könnte, wie man sich jetzt am besten verhalten sollte, was der Hund jetzt keinesfalls an Erfahrung machen dürfte usw.

Gerade als Hundetrainer mit einem schwierigen Hund geht schnell die Unbefangenheit verloren, die der Otto-Normal-Hundehalter so mitbringt. Besonders, wenn die gewünschten Erfolge nicht so schnell eintreten, wie geplant. Das heißt für mich: Erstmal wieder selbst locker, entspannt und zuversichtlich in Begegnungen gehen, bevor ich das Gleiche von meinem Hund abverlange. An wem soll er sich denn orientieren, wenn ich -anstatt ihm ein gutes Vorbild zu sein- bereits 50 Meter im Voraus alle möglichen Konstellationen, Abläufe, Möglichkeiten, Risiken und Konsequenzen durchspiele und dabei logisch: "hochgradig gestresst" bin. Was macht der Vierbeiner? Ist es auch und handelt. 

Eine gute und sichere Bindung zum Hund fängt immer beim Menschen an. Hunde sind von sich aus bindungsorientiert.

 

Es heißt aber auch, die Individualität des Hundes zu respektieren und regelmäßig abzugleichen, inwiefern mein Hund normales Verhalten zeigt, welches aber mit überzogenen Erwartungen an einen Hund meinerseits kollidieren und welche Verhaltenswiesen tatsächlich unangemessen, problematisch oder gefährlich sind. Oft nehmen wir gegenüber unserem Hund eine Haltung ein, die seine Individualität missachtet und sich vor allem daran orientiert, "dass der Hund von Frau XY das schließlich auch mitmacht und die hat nie geübt", anstatt den eigenen Hund insgesamt zu sehen und auch akzeptieren zu lernen, dass jedes Individuum auch unterschiedliche Grenzen hat. Eben auch solche, die wir nicht beeinflussen können.

Wie geht gute Bindung denn jetzt?

Ein paar Tipps findest Du in meinem Blogartikel: 4 Tipps, wie Du die Bindung zu Deinem Hund stärken kannst. Noch mehr Input gibt's während der Social Walks zum Thema "Bindung"


Hat dir der Artikel gefallen oder hast Du Fragen? Dann schreib mir in die Kommentare :-)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Glücksmomente, Abenteuer & Training mit Hund

RehabiliTiere

Deine Lieblingstrainerin

Mela Hirse

Anruf oder Mail

0176 - 3210 86 96

www.rehabilitiere.de

Post

Vilbeler Landstr. 243

60388 Frankfurt am Main