Wissenswertes über Hundeverhalten

Ist Hundebetreuung Kidnapping?

Gedanken zu fremdbetreuten Hunden

Gestern Nacht erreichte mich der erlösendste Anruf, den man überhaupt bekommen kann, wenn man einen Hund "verloren" hat: "Sie ist wieder da!"

Die Hündin meines Vaters war zweieinhalb Wochen spurlos verschwunden und stand -als wir uns schon langsam damit abfanden, dass wir nie erfahren würden, was mit ihr passiert ist- plötzlich vor seiner Tür. Abgemagert, etwas zerrupft und sehr erschöpft, ließ sie sich in ihr Körbchen plumpsen und schaute ihn mit ihrem typischen, störrischen Blick an, als sei es das normalste von der Welt nun wieder da zu sein.

Was war passiert?

Anuschka, die besagte Hündin meines Vaters, kam als Pflegehund zu mir und wurde kurzerhand von meinem Vater adoptiert. Einige Jahre lebten wir Tür an Tür, bis ich etwa 15 km weit weg, an das andere Ende der Stadt zog. Seit fast 10 Jahren kennt man die beiden nur im Doppelpack: Älterer Mann vorneweg, zwei Meter hinter ihm trabt ein Hund, der aussieht wie eine Mischung zwischen Schäferhund und Fuchs. Im Café in der Stadt, am Golfplatz, im Buchladen und auch abends in der Kneipe. Dann der Unfall. Mein Vater stürzte und kam ins Krankenhaus. 

Natürlich nahm ich die völlig verwirrte Anuschka sofort zu mir. Nach einigen Tagen hatte sie sich scheinbar an die neue Situation gewöhnt: Schlief mit den anderen Hunden in den gleichen Körbchen, fraß mit gutem Appetit und freute sich auf unsere täglichen Gassirunden. Mit ihren 13 Jahren ist Anuschka immer noch sehr rüstig, achtet aber peinlichst genau darauf, keine Energie zu verschwenden. Schon seit dem ersten Tag, den ich sie kenne, steht und geht sie neben ihrem Menschen, wartet oder holt schnell auf und falls sie doch mal einem Eichhörnchen nachjagt, ist sie nach wenigen Sekunden wieder zur Stelle.

Jeder von uns hat schon im Wald gestanden, Anuschka gebrüllt und dann festgestellt, dass die Kleine seelenruhig und scheinbar schon die ganze Zeit, hinter einem stand.

Eine Eigenheit war uns jedoch mal ganz am Anfang aufgefallen: War Anuschka des Spazierengehens überdrüssig, kehrte sie auf der Pfote um und spazierte entschlossen nach Hause, legte sich vor die Tür und wartete, bis der Rest der Truppe auch wieder da war. Ein paar Mal sparte ich mir das "Mitnehmen", gab klein bei und bin schmunzelnd hinter ihr her gelaufen, bis wir wieder zu Hause waren. 

 

Nun sollte Anuschka also einige Tage bei uns verbringen, bis mein Vater wieder aus dem Krankenhaus zurück war und sich erholt hatte. Alles lief gut. Bis zu dem vormittag, an welchen ich zu Anuschka sagte "Nuschkelchen, heute geht's nach Hause", die Gartentür öffnete, in meine Turnschuhe schlüpfte, um mit dem Vierergespann noch eine letzte Abschiedsrunde zu gehen und...Anuschka weg war.

Spurlos verschwunden

In dieser einen, einzigen Sekunde, in welcher ich meine Augen nicht auf den Hunden hatte, hat es diese kleine, immer etwas phlegmatisch wirkende Hündin irgendwie geschafft am Zaun vorbei nach draußen zu kommen. Ich rannte um's Haus, durch den Garten, auf die Straße, wieder zurück, vielleicht war sie ja doch einfach nur wieder reingegangen und wieder vor zur Straße. Ab auf's Fahrrad. Hund weg. Die letzte Sichtung erhielten wir ca. eine Stunde später, bereits einige Kilometer entfernt. Danach verlor sich jede Spur. Keiner hatte Anuschka gesehen. Dennoch suchten wir jede Ecke ab, tagsüber und nachts. Mit jedem Tag, den Anuschka verschwunden blieb, wuchsen die Fragezeichen und die Spekulationen, wo sie sich aufhalten könnte.

War sie wirklich nach Hause gelaufen? Dann müsste sie schon längst da sein. Aber kann ein Hund das schaffen? Es sind nur 15 kilometer. Für einen Hund keine besondere Strecke. Aber, vom östlichsten Teil Frankfurt's quer durch die Stadt, über Autobahnbrücken, über den Main und an Hauptverkehrsstraßen, durch mehrere Waldstücke, an Offenbach vorbei oder sogar durch, Richtung Neu Isenburg. Oder wurde sie gefunden und nicht gemeldet? Liegt sie irgendwo verletzt und benötigt Hilfe? Oder war sie in eine ganz andere Richtung gelaufen? Vielleicht Richtung Norden in die Felder? Dann wäre unsere Suche in die völlig falsche Richtung gegangen. Anuschka blieb verschwunden. Weder Suchplakate, noch Facebookaufrufe, die Suche über Tasso, Abklappern aller Tierärzte und Tierheime, Förster, Feuerwehr, Polizei, noch jeden Spaziergänger nach einem kleinen Schäferhund zu fragen ergab einen Hinweis.

Die Verantwortung und die Schuld

Natürlich quälten mich Selbstzweifel. Hätte ich schneller reagieren müssen. Nicht erst im Garten hinter den Büschen suchen sollen, sondern direkt raus auf die Straße? Warum hatte ich diese verdammte Terrassentür geöffnet. Ausgerechnet ich, die dem Rest der Familie damit auf die Nerven fällt, die Hunde lieber einmal zu viel als zu wenig anzuleinen, die monatelang hinter Schleppleinen herrennt und diese 13-jährige Hündin auch nicht ableinte, als klar war, dass sie während der gesamten Gassirunde genau einmal von meiner Seite weichen würde um ihr Geschäft zu erledigen. 

Jemandem, der Tag und Nacht mit seinem Hund zusammen ist, dem sein vierbeiniger Freund näher steht als irgendein Zweibeiner, erklären zu müssen, dass man auf eben diesen Freund nicht gut genug aufgepasst hat, ist nicht schön. 

 

Als ich vor knapp zehn Jahren die Hundeschule gründete, finanzierte ich mich zusätzlich über Gassiservice und Hundebetreuung. Schon damals war ich jedes Mal heilfroh, wenn ich einen Urlaubshund wieder wohlbehalten an seine Besitzer übergeben konnte. Mit jedem weiteren Gast wurde ich mir der Verantwortung und dem Risiko bewusster, welches eine Fremdbetreuung mit sich bringt. Und vor allem: Wie unterschiedlich Hunde mit der Trennung zu ihren Menschen umgehen. Da sind die Hunde, die sich zu ihren Kumpels umdrehen, sofort lostoben und scheinbar überhaupt nicht registrieren, dass ihre Menschen sich grade anschicken ohne sie ins Auto zu steigen. Da sind aber auch die anderen Hunde, die sehr genau verstehen, dass sie jetzt erst einmal bleiben, sich in eine Ecke verziehen und wirklich richtig traurig wirken, die Hunde, die völlig verwirrt am Zaun stehen und scheinbar nicht im Ansatz fassen können, dass sie grade zurück gelassen werden und die, die scheinbar sehr relaxed mit der Situation umgehen, aber immer auch ein bisschen für sich sind oder tagelang appetitlos. Sie sind alle unterschiedlich. 

 

Meine größte Sorge war, dass einem meiner Schützlinge etwas passieren könnte, er sich losreißt, im Wald verschwindet oder überfahren wird und ich seine Menschen anrufen muss, um mitzuteilen, dass ihr Hund nicht mehr da ist. Glücklicherweise ist nie etwas passiert. Einmal hat sich ein sehr misstrauischer kleiner Kerl durch den Zaun gezwängt, wurde aber glücklicherweise direkt (Dank Schleppleine) aufgegriffen. Auch dieser Hund stand im einen Moment noch neben mir und war plötzlich weg. 

 

Unter anderem deshalb, entschloss ich mich irgendwann, keine Hunde mehr zu betreuen. Ich wusste, man kann das Restrisiko eines Unglücks oder Unfalls nicht ausschließen. Eine Sekunde der Unaufmerksamkeit reicht. Dafür hatte ich zu schwache Nerven ;-)

Eine weitere Frage beschäftigte mich aber auch.

Wissen Hunde, wo sie hingehören?

Natürlich wissen sie das. Das steht außer Frage. Hunde sind soziale Rudeltiere. Sie stecken ihre eigenen Interessen zurück, um den Erhalt der Familie oder des Sozialverbandes zu sichern, binden sich eng an Menschen und freuen sich sogar über die Rückkehr eines Halters, der sie garnicht gut behandelt und folgen ihm dennoch treu. Hunde benötigen eine zuverlässige Bindung. Das gehört zu den Anforderungen einer artgerechten Haltung dazu.

Aber wo fühlen sich Hunde zugehörig, die täglich 8 Stunden "fremdbetreut" werden. Wissen sie, wer "ihr" Mensch ist? Oder befinden sie sich irgendwo dazwischen? Welchem "Rudel" würden sie sich wohl anschließen, wenn sie die Wahl hätten? Dem Halter oder der Gruppe, mit der sie den Großteil des Tages verbringen? 

Spielt hier die Zeit überhaupt eine Rolle? Oder eher die Intensität der Interaktionen, die Sympathie oder ist es manchen Hunden auch einfach wurscht? Welchen Einfluss hat die Persönlichkeit des Hundes, seine Veranlagung und der "Typ" Hund? Also beispielsweise seine Rasse?

Und was "denkt" sich ein Hund, der normalerweise jeden Tag mit seinem Menschen verbringt und maximal für ein paar Stunden zu Hause auf dessen Rückkehr wartet, wenn er dann plötzlich zur Urlaubsbetreuung abgegeben wird? Wie empfindet er dabei? Können Hunde erahnen, dass es nur ein kurzer Abschied ist oder ist die Abfahrt der Menschen ein herber Verlust? Ich möchte nicht vermenschlichen. Aber die Frage drängt sich auf, inwiefern ein Hund damit zurecht kommt, kommen soll, wenn er "abgegeben" wird.

Meiner Erfahrung nach (die natürlich stark subjektiv und sehr unwissenschaftlich ist), kommen Hunde, die generell sehr offen gegenüber Fremden und Neuem sind, besser mit dem Wechsel oder einer Urlaubsbetreuung klar. Je mehr "Hund" im ursprünglichen Sinne in einem Vierbeiner steckt, desto weniger begeistert reagiert er auf einen ständigen "Rudelwechsel". (Anmerkung: Ich verwende den Begriff "Rudel" in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr unwissenschaftlich, denn eine zufällig zusammengewürfelte Hundegruppe in einer HuTa ist per Definition kein Rudel, manchmal nicht einmal ein loser Verband).

Die haben mich vergessen

Kennen Sie die Geschichten von Kindern, die auf dem Weg in den Urlaub an der Autobahnraststätte "vergessen" wurden? Oder wurden Sie selbst mal vergessen? Meine Mama hat mich als Kind mal wegen eines harmlosen Missverständnisses, eine halbe Stunde nach Schluss des Kinderturnens abgeholt. Viel zu spät. Das waren quälende 30 Minuten. Für ein Kind eine lange Zeit. Manchen Hunden wird es ähnlich gehen.

Zurück zu Anuschka: Rückblickend muss sie sich von mir regelrecht gekidnapped gefühlt haben. Papa mit dem Rettungswagen abtransportiert und dann kommt eine alte Bekannte, packt mich ein und bringt mich weg. Einem Hund kann man schlecht erklären, dass Alles gut wird, dass es nur für ein paar Tage ist. Anuschka wollte offensichtlich auf Nummer sicher gehen und so, wie wir ihren "Ausflug" rückblickend rekonstruiert haben, hat sie die erste Gelegenheit zur Flucht genutzt und ziemlich zielsicher den Heimweg eingeschlagen, obwohl sie die Strecke nie zuvor gelaufen war.

Man könnte nun fragen: Hat sie sich unwohl gefühlt, gab es Reibereien zwischen den anderen Hunden und ihr, hat sie einem Vogel nachgejagt und ist dann einfach weiter gelaufen, oder, oder...aber all das ergab kein schlüssiges Bild. Eine alternde Hundedame, die mit ihren 13 Jahren gerne gemütlich hinterher trottet und im Garten gelangweilt am Grashalm schnuppert, neigt eher weniger zu Affekthandlungen. Sie hatte einfach Heimweh. Das ist jedenfalls meine "Erklärung".

Und die Moral von der Geschichte?

Hunde sind so viel klüger als wir denken, uns in so vielen Dingen voraus. Sie haben Bedürfnisse und  individuelle Besonderheiten. Jede Hund-Mensch-Beziehung ist einzigartig und geprägt von gemeinsamen Ritualen, Gewohnheiten und Eigenheiten. In Zeiten von Dog-Sharing und stetig steigender Nachfrage nach Hundebetreuungsstätten wird mir manchmal ganz schwer. Nicht jeder Hund kommt damit klar, mal hier und mal dort zu sein, oder besser: fremdbetreut zu werden. Im Notfall geht es nicht anders. Aber in dem Wissen, auf eine Hundebetreuung im Alltag angewiesen zu sein, sollte man noch einmal genauer überlegen, welcher Hund zu einem passt und ob er wohl damit zurecht kommen wird.

Mittlerweile werden Hundebetreuungen auch immer mal wieder empfohlen, um Hunde auszulasten. Die Besitzer loben, wie toll müde ihr Vierbeiner abends ist und dass er schon im Auto in einen komatösen Tiefschlaf gefallen ist. Aber ist das artgerechte Auslastung oder einfach nur erschöpfter Schlaf nach 8 Stunden Dauerstress? Das kommt wohl wirklich auf den einzelnen Hund an. Wildes Toben und alle anderen Interaktionen in einer sich dauernd ändernden Hundegruppe ist nicht einmal ansatzweise mit den wichtigsten Elementen eines Rudels vergleichbar. 

Eine wirkliche Schlussfolgerung kann ich also garnicht ziehen. Ich denke nur schriftlich vor mich hin und vielleicht fühlt sich der ein oder andere Hundemensch "angestoßen" :-)

 

Ich freue mich wie immer auf Ihr Feedback und Austausch.

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Wissen für Nerds Vol. 1

Das Nervensystem des Hundes

Das Nervensystem des Hundes ist ein spannendes Konstrukt und im Aufbau garnicht so verschieden von unserem, menschlichen Nervensystem. Es zeigt sich immer mehr, dass Säugetiere in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich funktionieren. Besonders die "Gefühlswelt", emotionale Reaktionen, sowohl positiv als auch negativ, werden durch ähnliche Prozesse ausgelöst oder gedämpft. Das Wissen um bestimmte Abläufe "hinter der Stirn" des Hundes ist in der Verhaltenstherapie unglaublich hilfreich, eigentlich zwingend notwendig, auch wenn viele Hundetrainer den "wissenschaftlichen" Aspekt gerne ignorieren und nach "Erfahrung bzw. Methode" arbeiten. Besonders in den letzten 10 Jahren hat sich in der Verhaltensforschung viel getan. Tieren werden mittlerweile ähnliche, emotionale Fähigkeiten und Stressreaktionen zugestanden, wie uns Menschen. Noch vor 20 Jahren wäre man für so eine Feststellung vom überwiegenden Teil der "Fachleute" gesteinigt worden. Das ist heute anders. Glücklicherweise. Was wir als Hundehalter und Hundetrainer daraus machen, ist natürlich eine ganz andere Frage. Nutzen wir das Wissen um chemische Prozesse im Gehirn des Hundes? Öffnen wir uns für fächerübergreifendes Vorgehen im Rahmen eines Trainings oder einer Verhaltenstherapie? Oder verfahren wir weiterhin wie gehabt und setzen darauf, dass es auch so klappt?

Warum macht er das?

Das ist eine der häufigsten Fragen, die mir in meinem Berufsalltag gestellt wird. Meist habe ich eine plausible Antwort aber häufig kann ich auch nur spekulieren. Nicht jede Situation ist eindeutig und der Grund, weshalb ein Hund auf bestimmte "Einflüsse" stärker reagiert (auch hier wieder positiv und negativ) als andere Hunde, liegt eventuell irgendwo in der Vergangenheit. Jedenfalls wird diese Annahme meist als Pauschalbegründung für jede Form von Verhalten außerhalb der "Norm" herangezogen. Eine schlechte Erfahrung? Ein einschneidendes Erlebnis zu einem ungünstigen Zeitpunkt? Vielleicht etwas, was der Hundehalter garnicht mitbekommen hat. Oder einfach nur zu wenig kennengelernt und deswegen unerfahren? Das sind so die Klassiker, die zum Erklären von ängstlichem, schreckhaftem, aggressivem oder übernervösem Verhalten herangezogen werden. Nicht aus der Luft gegriffen und in vielen Fällen richtig. 

Immer wieder versichern mir Hundehalter jedoch glaubhaft, dass ihr Hund keine besonders dramatischen Erlebnisse zu verkraften hatte, Alles nach Plan verlief, man nicht zu viel aber auch nicht zu wenig aktiv war und der Vierbeiner dennoch irgendwie "anders" ist. 

Veranlagung und Individualität

Mit dem zunehmenden Wissen um chemische Vorgänge im Körper des Hundes, den Einfluss genetischer Prädispositionen eines einzelnen Hundes, werden manche Verhaltensmuster verständlicher. Dass bestimmte Hunderassen Veranlagungen für mehr oder weniger ausgeprägte Verhaltensweisen mitbringen, unterschiedlich sensibel oder auch sehr gelassen reagieren, ist schon lange bekannt und durch entsprechende Zuchtauswahl bewusst manipuliert worden. Zum Vor- aber auch zum Nachteil der jeweiligen Hunde, auch immer abhängig von der Lebenssituation und dem Alltag des Hundes.

Doch unabhängig von rassetypischen Merkmalen gibt es individuelle Veranlagungen, die den Umgang mit Stress beeinflussen. Und so wie es aussieht, viel mehr, als bisher angenommen.

Nach Steven Lindsay, unterscheiden sich die genetischen Prädispositionen in "sympathisch dominant" und "parasympathisch dominant".


Rechts finden Sie den Google-Books-Link zu einer der umfassendsten und aktuellen wissenschaftlichen Sammlungen zur Verhaltensbiologie des Hundes, von Steven Lindsay. Einem Hundeverhaltensberater und Trainer in den USA.



Sympathisch dominant = auf nette Weise großkotzig?

"Sympathisch dominant" bedeutet, dass der Hund gefühlsbetont reagiert und meist wesentlich anfälliger für biologischen Stress ist. Dahingegen bedeutet "parasympathisch dominant", dass der Hund zur ruhigeren, gelasseneren Fraktion gehört und wesentlich anpassungsfähiger ist.

Diese Erklärung ist natürlich stark vereinfacht, reicht aber zunächst aus, um ein bisschen mehr Verständnis für biologische Hintergründe zu erlangen.

Aber beginnen wir von vorne und damit, was mit dem Nervenkostüm des Hundes so abgeht.

Das Nervensystem des Hundes

Das Nervensystem kann in zwei große Bereiche aufgeteilt werden:

  1. Das Zentrale Nervensystem, welches Gehirn und Rückenmark umfasst und
  2. das Periphere Nervensystem, welches Nerven und Sinnesorgane betrifft.

Das Zentrale Nervensystem, kurz ZNS, empfängt sensorische Informationen, also "Wahrnehmungen" der Nerven und Sinnesorgane, welche zum peripheren Nervensystem, Kurz PNS, gehören. Das bedeutet: PNS schickt Reize und Wahrnehmungen an Rückenmark und Gehirn, also ans ZNS.

 

Das ZNS wiederum verarbeitet diese Informationen und gibt natürlich Rückmeldung, wie auf die empfangenen Infos reagiert werden soll. Die Rückmeldung sendet das ZNS sowohl zurück an das PNS (Nerven & Sinnesorgane), als auch an das endokrine System.

 

Zum "endokrinen System" merken wir uns aktuell: "Hormone und so".

 

Denn zunächst ist für uns wichtig: PNS sendet Infos an das ZNS, dieses verarbeitet und gibt Rückmeldung.

 

Das bedeutet: Das PNS hat nun eine "Antwort" vom ZNS (Hirn & Rückenmark), wie die eingegangenen Infos "bewertet werden".

Diese Antwort wird über den ableitenden Bereich des PNS, in Form von Impulsen, an Muskeln und Drüsen weiter geschickt.

Merke: Das PNS hat einen zuleitenden Bereich, der Infos an das ZNS sendet und einen ableitenden Bereich, der Infos (die Impulse beziehungsweise Antworten aus dem ZNS) an Muskeln und Drüsen schickt.

 

Auch hier, gibt es zwei Anlaufstellen: Das somatische Nervensystem und das vegetative Nervensystem.

Das vegetative Nervensystem steuert automatisch ablaufende, unwillkürliche Prozesse, beispielsweise Reflexe und alle körperlichen Aktivitäten, die zur Lebenserhaltung nötig sind, wie das Atmen, Herzschlag, Darmbewegungen usw.

Das somatische Nervensystem besteht hingegen aus Nervenfasern, die zu den Zellen der Skelettmuskulatur führen. Wenn unser Hund beispielsweise ein Sitz-Signal ausführt, passiert das über diesen Weg.

Das vegetative Nervensystem des Hundes

Der Teil des Nervensystems des Hundes, welcher für alle möglichen, lebenswichtigen Prozesse zuständig ist, also das vegetative Nervensystem, ist in diesem Fall von Interesse. Denn dieses gliedert sich wiederum (unter anderem) in den Sympathikus und den Parasympathikus.

Diese beiden Bereiche sind, genetisch bedingt, individuell unterschiedlich "betont". Man spricht auch von "genetischer Prädisposition".

Der Sympathikus

Auch "sympathisches Nervensystem" genannt. Macht Hunde, ist es bei einem Individuum stärker ausgeprägt, eher nicht sympathisch. Denn es steuert und mobilisiert Energie in Notfallsituationen.

So beeinflusst der Sympathikus Herzfrequenz und Bluthochdruck, reduziert die Verdauungstätigkeit, stößt eine erhöhte Atemfrequenz und einen Anstieg des Blutzuckerspiegels an. Und es regt außerdem die Sekretion, also Abgabe, von Adrenalin an. Adrenalin ist ein Stresshormon, wenn nicht sogar "das Stresshormon" schlechthin.

Das sympathische Nervensystem löst auch die Flucht oder Abwehrreaktion aus.

Der Parasympathikus

Auch "parasympathisches Nervensystem" genannt. 

Dieses wirkt ausgleichend und wirkt dem Sympathikus entgegen. 

Über den Parasympathikus werden überwiegend erholungsfördernde Signale an den Körper gegeben. 

Das parasympathische Nervensystem des Hunde ist also (wie bei uns) für die Regulierung der Prozesse verantwortlich, die durch den Sympathikus angestoßen werden und umgekehrt. Beide Systeme arbeiten "antagonistisch", sind also Gegenspieler. Beide Systeme werden benötigt. Ist eines der beiden Systeme stärker betont als das andere, beeinflusst dies maßgeblich die Reaktion des Hundes auf alle möglichen Reize.


Auswirkungen auf den Alltag mit Hund

Die wichtige Erkenntnis aus diesen Zusammenhängen ist, dass es völlig unterschiedliche Veranlagungen gibt. Je nachdem, ob ein Hund eine genetische Prädisposition für "sympathisch dominant" oder "parasympathisch dominant" hat, fällt seine Reaktion auf Umweltreize, Berührungen, Schrecksituationen, Korrekturmaßnahmen, Lob und vor allem auf Stress unterschiedlich aus. Diese "Impulse" sind für den Hund selbst zunächst nicht beeinflussbar und steuerbar. 

Das bedeutet natürlich auch, dass für ein effektives Training oder eine Verhaltenstherapie unbedingt beachtet werden muss, mit welchen "nervlichen" Grundvoraussetzungen ein Hund lebt. Aber nicht nur dann, wenn das "Kind schon in den Brunnen gefallen" ist, sondern viel früher. Berücksichtigt man diese Veranlagungen bereits in der Welpenauswahl und Welpenaufzucht und spätestens im Welpentraining, ergeben sich völlig unterschiedliche Herangehensweisen.

So würde man für den einen Welpen guten Gewissens empfehlen, viele Eindrücke zu sammeln und diesen schon früh mit vielen neuen Situationen zu konfrontieren, ohne Angst vor zu viel Aufregung. Bei einem anderen Welpen, unter Umständen aus dem gleichen Wurf, mit den gleichen "äußerlichen" Grundvoraussetzungen aber das genaue Gegenteil, nämlich Sicherheit zu Hause gewinnen, ruhig und gelassen auf die ersten Eindrücke und Alltagsgeräusche im Haus reagieren lernen und ein viel behutsameres Rantasten an Neues.

Denn -und das halte ich für eine lange Zeit unterschätzte Fragestellung- wie soll ein stressanfälliger Hund, der seit dem Welpenalter zwar viel kennengelernt hat und vermeintlich vorbildlich "geprägt" wurde mit Stresssituationen umgehen, wenn er das Leben überwiegend "unter Strom stehend" kennengelernt hat. Also Ruhe und Gelassenheit mit seiner ohnehin schon "schwierigeren Prädisposition" nie erlernen konnte. Umgekehrt, wird ein Hund, der selbstsicher ist, dafür aber weniger kennengelernt hat, dennoch wesentlich gelassener mit Neuem umgehen können. Denn die Basis wurde, im Rahmen der "genetischen Grenzen", behutsam aber solide aufgebaut.

Spinnt man den Faden weiter, wird deutlich, wie wichtig das Wissen um individuelle Eigenschaften, nennen wir es "Wesenszüge", aber auch chemische Vorgänge im Körper / Gehirn des Hundes im Allgemeinen und im Individuum sind.

 

Für den Hundehalter bedeutet dies: Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl. Damit liegt man meistens richtig, wenn man den Eindruck hat, der eigene Hund ist nicht nur verwirrt, sondern gestresst, nicht nur ein kleiner Schisser, sondern hat wirklich Angst, nicht nur ein "Arschlochhund", sondern kann sich nicht anders helfen. Reagieren Sie auf Ihre Intuition und setzen Sie ihren Hund nicht Situationen aus, in welchen er sich offensichtlich extrem unwohl oder hilflos fühlt und sie bis dato keine Lösung haben, die sie Ihrem Vierbeiner anbieten können, um mit der Stresssituation konstruktiv umzugehen.

Das gilt besonders für Welpen, junge Hunde, sensible Hunde, stressanfällige und ganz besonders für Hunde, die mit Aggressionsverhalten reagieren.

Natürlich soll das nicht bedeuten, dass Sie zukünftig mit Ihrem Hund zu Hause bleiben oder ihn in Watte packen. Mit einem geeigneten Trainingsplan, eventuell unter alternativmedizinischer Begleitung, einer entsprechend angepassten Ernährung und mit etwas Fleiß und Geduld, kann Ihr Hund durchaus lernen Impulse zu kontrollieren und mit Stress zukünftig besser umgehen. 

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"Schau" mir in die Augen

Das Signal "Schau" im Hundetraining

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"Schau" mich an

Ein Signal, das in den Kursen unserer Hundeschule immer und immer wieder geübt wird. Auch in den Workshops und im Einzeltraining ist das "Schau-Signal" eines der wichtigsten Säulen. Doch was bedeutet Schau denn eigentlich?

Definition "Schau" Signal

"Schau" bedeutet, dass die volle, gegenseitige Aufmerksamkeit von Hund und Mensch aufeinander gefordert ist. Im Idealfall in Form von direktem Blickkontakt. 

Schaut der Hund seinen Menschen erwartungsvoll an, kann der Mensch sich seiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein und der Hund wird meistens versuchen, das darauffolgende Signal möglichst konzentriert auszuführen.

Voraussetzungen für das Schauen

Natürlich funktioniert dieses Signal nur dann wirklich gut, wenn der Hund sich bei dem direkten Blickkontakt zu seinem Menschen nicht unwohl fühlt. Eine entspannte Hund-Mensch-Beziehung ist also eine Grundvoraussetzung.

Doch warum könnte der Hund sich dabei unwohl fühlen, seinen Menschen erwartungsvoll anzusehen?

Gründe für das Unwohlsein beim Blickkontakt

Der direkte Blickkontakt kann, je nach Kontext, auch eine Provokation bedeuten. Ist dies der Fall, sprechen wir auch von Fixieren. Beim Fixieren ist der Blick starr und die Muskulatur wirkt angespannt. Geht das Fixieren in eine Drohung über, ist die Körpersprache nach vorne gerichtet. Das bedeutet für die Kommunikation zwischen Hund und Mensch, dass der Hund seinen Menschen leicht falsch verstehen kann, wenn der Mensch sich nach vorne beugt und seinen Hund zum Blickkontakt auffordert. Meist schaut der Hund dann de-eskalierend, man könnte auch sagen: beschwichtigend, zur Seite. 

Manche Hunde möchten jedem Ansatz von möglichen Konflikten vermeiden und weichen auch deswegen dem direkten Blickkontakt aus. Die Gründe können vielfältig sein.

Die eigene Körpersprache beim Schau Signal 

Um auf seinen Hund keinen bedrohlichen Eindruck zu machen, kann man seine Körpersprache bewusst einsetzen und somit Missverständnisse vermeiden. Der Mensch sollte darauf achten, sein Gewicht nicht nach vorne zu verlagern, sondern im Zweifel eher nach hinten. Eine weitere Möglichkeit ist auch, seitlich in die Hocke zu gehen. Besonders unsicheren Hunden hilft das meist.

Ist der Hund unaufmerksam oder vermeidet Blickkontakt auch in Alltagssituationen häufig, so hilft es manchmal auch, einige Schritte rückwärts zu gehen und mit etwas mehr Abstand zu warten, ob der Hund sich zu einem umdreht oder folgt und kurz schaut.

Den Blickkontakt einfangen und verstärken

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Hunde am effektivsten lernen, wenn sie von selbst auf die Lösung für ein Problem kommen. Also, wenn sie zum Beispiel im Falle des Blickkontaktes feststellen, dass sie für das "zufällige" Schauen belohnt werden. Die Art der Belohnung kann dabei ganz unterschiedlich ausfallen und von Hund zu Hund angepasst werden. Auch ein freundliches Wort funktioniert im Fall des Schauens meist sehr gut.

Wenn der Hund also rein zufällig oder aus einem anderen Grund schaut, kann man ihn besonders loben. Wiederholt der Hund dann immer häufiger den Blickkontakt, kann man diesen mit dem Schau-Signal verknüpfen.

Muss man jetzt immer Kekse werfen, wenn der Hund schaut?

Nein, natürlich nicht. Aber man darf sich ruhig einige Male als Futterautomat missbrauchen lassen, bis der Hund sichtbar Freude am Schauen hat. Nun wendet sich das Blatt: Der Hund erhält nun nur noch sehr sporadisch eine Belohnung für das Anbieten des Blickkontaktes. Dafür geben Sie ihm umso häufiger die Gelegenheit auf das Schausignal zu reagieren. Tut er das, muss der Hund natürlich ganz besonders gelobt werden.


Tipp: Manche Hunde verlieren die Motivation, wenn sie Signale ausführen sollen und für Angebote keine Belohnung bekommen. Deswegen sollte man immer mal wieder kleine Extrabelohnungen, auch für andere "Angebote" des Hundes, bereit halten. So weckt man die Freude des Hundes am Kooperieren und aktiven Mitarbeiten.


Viel Spaß beim Üben!


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