Aktiv gegen Qualzucht

Der Begriff Qualzucht dürfte wohl den meisten Hundehalter*innen schon mal untergekommen sein. Doch was bedeutet Qualzucht eigentlich?

Ganz grob sind Rassen als Qualzucht definiert, sobald das äußere Erscheinungsbild zu Lasten der Hundegesundheit gezielt hervorgehoben wird. Anders ausgedrückt:

"Wenn Äußerlichkeiten und optische Veränderungen bei der Zucht geduldet werden, obwohl sie dem Hund schaden, spricht man von Qualzucht.

Einige dieser von Züchtern gewünschten Zuchtmerkmale sind sogar die Ursache von Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen."

(Zitat vetevo)

Der Mops ist wohl das bekannteste Beispiel für einen Hundetyp, der aufgrund seines vermeintlich niedlichen Aussehens zeitlebens gesundheitliche Probleme haben wird. Aber auch extrem kleine oder große Rassen fallen in diese Kategorie. Die Grenzen sind fließend und jede Hundeanschaffung ist eine individuelle Entscheidung. Nichtsdestotrotz lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die gezielte Zucht einer sehr platten, faktisch nicht mehr vorhandenen Nase, eines extrem breiten Brustkorbes in Kombination mit einer so schmalen Hüfte, extrem kurzer Beine oder eines sehr langen Rückens, einem Endgewicht von unter 1 kg oder auch gerne mehr als 70 kg hinterfragt werden sollte und muss.

Doch wie gehen wir gesellschaftlich und unter Hundeliebhabern mit dieser Frage um? Schließlich kann der Hund nichts für sein Aussehen und benötigt dennoch Erziehung und Beschäftigung.

Andererseits ist es fachlich fragwürdig, die Zucht und den Kauf solcher Rassen vollkommen unkritisch unkommentiert zu lassen.

Hundetrainer*innen sollten sich nicht vor ihrer Verantwortung drücken

Welches Signal senden wir als "Fachleute", wenn wir Hundehalter*innen dieser Rassen in Kursen herzlich willkommen heißen? Bedarf es hier nicht intensiver Aufklärung, wenn die Menschen um die niedlichen Vierbeiner herumstehen während die überzüchtete Bordeuxdogge röchelnd pausiert und sich die 800 gramm Chihuahua gerade noch mit einem großen Hopser retten konnte, bevor das Trumm von Hund sich erschöpft fallen lässt?

Kaum eine Hundeschule geht das Risiko ein, derart größenunterschiedliche Hunde in gemeinsames Freispiel zu lassen. Größenunterschiede und andere Bedürfnisse hinsichtlich Auslastung und Beschäftigung gab und gibt es schon immer. 

Fatal, wenn die Old English Bulldogge riesen Spaß am Toben und Üben hat, ab 20 Grad und Sonne aber leider einfach nicht kann. Zu warm, zu wenig Luft, zu viel Arthrose. Pause.

Wie also damit umgehen? Niemand möchte den stolzen Hundehalter bloßstellen. Schließlich liebt er seinen Hund und der ihn. Keiner möchte, dass die Studentin weinend von dannen schleicht, nachdem sie gerade mit anhören musste, wie andere Hundehalter über die gesundheitlichen Defizite ihres Pekinesen aufgeklärt wurden.

Trotzdem muss etwas passieren. Es kann nicht sein, dass ein beträchtlicher Teil der Hunde in deutschen Haushalten unter Schmerzen und gesundhetlichen Einschränkungen leidet, die ganz bewusst herbeigeführt wurden. Einfach, weil es dem Kindchenschema entspricht oder so lustig, süß, beeindruckend, hip aussieht.

Ins Gespräch kommen oder Ausschließen?

Am liebsten ins Gespräch kommen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich viele Hundehalter erst wirklich kritisch mit ihrer Wunschrasse auseinandersetzen, wenn es Probleme gibt und der Hund längst da ist. Und krank. 

Informiert haben sich auch vor der Hundeanschaffung fast Alle. Gibt man eine der beliebten Rassen in eine Suchmaschine ein, landet man schnell auf Züchterseiten, Fanseiten und Hundeforen, die von der jeweiligen Rasse in den höchsten Tönen sprechen.

Ist es nicht pervers, dass ausgerechnet bei den Rassen, welche vor allem und überwiegend aufgrund ihres markanten äußeren Erscheinungsbildes ins Auge stechen immer als Erstes von dem tooooollen Wesen gesprochen wird?

Wenn es doch bei der Anschaffung eines Mopses nur oder vor allem um den vielgepriesene Traumcharkter geht: Weshalb muss diese Rasse so aussehen und so leiden?

Mal rumgesponnen, am Beispiel des Mops: Ginge es vor allem um den tollen Charakter dieser Rasse und würde man sich für diese Hunde wünschen, dass sie ein schmerzfreies und gesundes Leben vor sich haben und ihre Menschen sich möglichst wenig Gedanken um Tierarztrechnungen und Angst um das geliebte Hundekind machen müssen, würde der Mops wohl schon lange nicht mehr aussehen wie ein Mops, oder? Er hätte den Traumcharakter UND würde in einem gesunden Körper wohnen. Tut er aber nicht.

Inwieweit wird das Wesen eines Hundes nicht auch von seinem dauerhaften Wohlbefinden beeinflusst? In hohem Maße!

Es ist so wahnsinnig schwierig: Man will ja auch kein Spielverderber sein. Gleichzeitig kann es nicht richtig sein, eingefleischten Rassefans extrem überzüchteter Hunde eine Plattform, wie die eigene Gruppenstunde zu bieten und damit schlimmstenfalls sogar Nachahmer*innen zu finden.

Rassefans Nein - Tierschutz Ja?

Zurück zur Ausgangsfrage oder: Ich hab zwar keine Lösung, aber ich bewundere das Problem. 

Schließlich kann und möchte man nicht erst eine allgemeine ethisch-moralische Fragerunde durchführen, bevor Zugang zur Hundeschule gewährt wird.

Das wäre übergriffig und geht uns letztendlich auch nichts an. Hundehaltung und die Entscheidung für eine bestimmte Rasse ist hierzulande immer noch eine überwiegend sehr private Entscheidung.

Was also tun, um die oben erwähnten Nachahmer zu verhindern und aufzuklären? Ich hoffe, dass alleine die Tatsache, dass du bis hierhin gelesen hast, bereits einen positiven Effekt hat. 

Trotzdem gehen wir noch einen Schritt weiter.

Du bist hier richtig, wenn...

...du einen Hund hast, den du lieb hast, den du respektierst und an dessen körperlichen und seelischen Wohlergehen dir gelegen ist. Egal, um welche Rasse es sich handelt und woher du diesen Hund hast. Niemand ist dazu befugt, deine Entscheidung für diesen einen Hund zu bewerten. Schon garnicht, wenn sie bereits einige Zeit zurück liegt und du heute womöglich sogar ganz anders entscheiden würdest. "Hinterher ist man immer schlauer." Dieser Satz passt wohl für jeden Menschen, der mit einem Hund zusammenlebt und schon das ein oder andere Mal über die eigenen Füße, Pfoten, Meinungen und Vorsätze gestolpert ist.

Du bist hier falsch, wenn...

...dein Hund zu einer Rasse gehört, deren körperliche Erkrankungen quasi zur Rassebeschreibung gehören und du das super findest. Wenn du voller Stolz auf die entzündeten Hautfalten deines Hundes blickst und überzeugt ausrufst: "Toll! Würde ich immer wieder genau so machen!", oder dein Herz voller Freude hüpft, während du deinen Hund zum vierten Mal aufgrund eines Bandscheibenvorfalls in der Tierklinik vorstellst und dich keine Sekunde fragst, ob es wohl der Hund mit dem lustigen, wurstigen Rücken sein musste. Wenn Lumpi mal nicht mehr ist, hoffe ich, dass ich bei Züchter XY genau so einen wieder bekomme...

Ich denke, du verstehst, was ich meine. 


Einige Beispiele für Qualzucht

Brachycephalie oder Kurzköpfigkeit.

Dieser Begriff beschreibt die züchterisch gewollte Kürzung des Gesichts. Zuchtziel ist das sogenannte Kindchenschema.

Beispiele:

  • Mops
  • Französische Bulldogge
  • Chihuahua
  • Malteser
  • Shitzu
  • Mastiff
  • Pekinese
  • Boxer
  • Boston Terrier
  • Cavalier King Charles Spaniel
  • amerikanische Bulldogge
  • Englische Bulldogge

Als BCS (Brachycephalie-Syndrom) bezeichnet man alle gesundheitlichen Einschränkungen, die auf dieses Zuchtmerkmal zurückzuführen sind:

  • Atemprobleme aufgrund der Verengung der Atemwege (das süße Schnarchen, Röcheln, Schnaufen),
  • zu kleiner Luftröhrendurchschnitt (stell dir einfach vor, du musst die ganze Zeit durch einen Strohhalm atmen),
  • zu kleine Nasenlöcher,
  • verformte Nasenspiegel/-muschel (im Inneren der Nase), die das Atmen erschwert, aber auch zu mangelhafter Temperaturregulation und Wärmeabgabe führt.
  • Abgeflachte Augenhöhlen und Exponiertheit der ungeschützten Augäpfel, die teilweise auch einfach mal vorfallen (rausfallen) können, da sie nicht tief genug in der Augenhöhle sitzen.
  • Falten auf dem Nasenrücken entzünden sich leicht und häufig und mitunter auch ein Einrollen der Augenlider. (Die Augen sind entzündet, gereizt oder Hunde erblinden teilweise. Durch Schielen ist das Sichtfeld häufig zusätzlich eingeschränkt.
  • Die deformierte oder nicht optimal ausgebildete Schädeldecke kann zu Gehirnschädigungen führen.

Wunderschön: Merle.

Dort, wo das Fell normalerweise braun oder schwarz ist, zeigt es sich bei diesen Hunden gesprenkelt oder gemasert. Meist tritt dieses in Kombination mit einem oder zwei blau gefärbten Augen auf.

Beispiele:

  • Border Collie
  • Australian Shepherd
  • Dackel
  • Norwegian Hound
  • Chihuahua
  • Beauceron Sheepdog
  • Deutsche Dogge
  • Cocker Spaniel
  • Pomeranian
  • Pit Bull

Wo liegt das Problem des Merle-Gens?

Die schöne Färbung und die strahlend blauen Augen sind auf einen Gendefekt zurückzuführen. Dieser birgt Risiken. Besonders, wenn zwei Elterntiere verpaart werden, welche beide Träger des Merle-Gens sind.

Hierbei kommt es in der Folge häufig zu Totgeburten oder schwer kranken Welpen, die das Junghunde-Alter meist nicht erleben.

Aber auch bei Hunden, welche das Gen "still" in sich tragen kann es zu Einschränkungen des Gleichgewichts oder Hörproblemen, zu Augenfehlbildungen und Deformationen am Bewegungsapparat und auch der Geschlechtsorgane und des Herzens kommen.

Nackte Wahrheit.

Allergiker-Hunde: Warum das Fell nicht gleich ganz weglassen?

Beispiele:

  • Chinesischer Schopfhund
  • American Hairless Terrier
  • Mexikanischer Nackthund
  • Peruanischer Nackthund

Auch die Haarlosigkeit ist eine Laune der Natur, was übersetzt so viel bedeutet wie "Gendefekt".

Nennen wir das Kind beim Namen: Dieser Hundetyp kommt zwar ohne Haare aber dafür leider auch mit weiteren Problemchen:

Als Klassiker sind hier wohl Gebissanomalien zu nennen. Wer kennt ihn nicht? Den hässlichsten Hund der Welt? Ein Opfer gezielter Zuchtauswahl und nicht etwa ein "Unfall".

Es muss nicht explizit erwähnt werden, dass diese Hunde extrem empfindlich auf Sonneneinstrahlung reagieren und logischerweise -so ganz ohne Fell- auch nicht besonders viel in Sachen Temperaturregulierung vorzuweisen haben: Wenn kalt, dann kalt, wenn warm, dann warm. Ergo: Mantel und Sonnencreme gehen hier Hand in Hand.

 

Idiopathische Muzinose.

Wo viele Falten sind, kommt es zu einer teigigen Konsistenz, Entzündungen und einem meist recht pflegeintensiven Hund.

Besonders im Gesichtsbereich kann es zu Problemen mit den Hautfalten kommen. Vor allem eingerollte Augenlider oder eine zu große Lidspalte sehen nicht nur doof aus, sondern tun auch echt weh. Auf Dauer trocknen die betroffenen Augen aus und es kommt zu einer Pigmentation der Hornhaut, was meist in der völligen Erblindung endet.

 

Dies sind nur einige Beispiele für Qualzucht und die Resultate. Sind diese Hunde deshalb weniger wert und verdienen es nicht, ausgebildet, beschäftigt und gefördert zu werden? Erst recht, wenn sie aufgrund ihrer Defizite und Missbildungen Verhaltensprobleme entwickeln?

Auf jeden Fall. Doch sie verdienen es auch, dass wir die Anschaffung dieser Rassen und vor allem das billigende in Kauf nehmen von Leid, zugunsten eines schicken Looks, immer wieder zur Sprache bringen und Hundehalter*innen zum Umdenken bewegen.

Wir können die Verantwortung dafür nicht alleine den Züchter*innen oder dem Gesetzgeber überlassen und uns bis dahin achselzuckend auf unsere Hundeplätze zurückziehen. Auch wir Hundetrainer haben eine Verantwortung gegenüber diesen Tieren und deren Nachkommen.

Uninformierte Menschen mit Hundewunsch müssen aufgeklärt werden, Hundehalter*innen von Qualzuchtrassen dürfen nicht kategorisch ausgegrenzt werden. Dennoch darf auch der Hype um -sogar für Laien erkennbar- kranke Rassen nicht lächelnd hingenommen werden, während man seelig die 10er-Karte abknipst.

 

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