Aggressionen bei Hunden

Das Aggressionsverhalten des Hundes ist ein unglaublich spannendes Themengebiet. Nichts erschrickt uns so sehr, wie ein kuscheliger Haushund, der seine Zähne zeigt oder diese sogar einsetzt. Beißvorfälle sind schrecklich und auch der Alltag mit einem Hund, dem man einfach "nicht so ganz traut", kann zu einem einzigen Spießrutenlauf werden. Enttäuschung, Frust und Unsicherheit sind stete Begleiter der meisten Hundehalter von "schwierigen" Hunden.

Dennoch gehört auch Aggressivität zum normalen Verhaltens- und Ausdrucksrepertoire des Hundes. Unser Umgang damit hat sich in den letzten Jahren zunehmend mehr hysterisiert, wenngleich es auch früher schon als unerwünscht galt, wenn der Hofhund gebissen hat. Jedenfalls, wenn es kein Einbrecher war. Dennoch war ein Schnappen als Antwort auf grenzüberschreitendes oder bedrängendes Verhalten durchaus akzeptiert. Ich wurde vor ca. 30 Jahren noch deutlich darauf hingewiesen, dass ich den Hofhund in Ruhe lassen soll und dieser das tut, wofür er jahrhundertelang gezüchtet wurde: Aufpassen und den Hof sauber halten. Wohingegen sich Hunde im Jahr 2016 regelrecht "Alles" gefallen lassen müssen, ohne auch nur mit der Wimper, pardon, der Lefze zu zucken. Besucher, egal wie unhöflich sie sich gegenüber dem Hund verhalten, müssen immer und ausnahmslos freundlich begrüßt werden und auch die dritte Kindergartengruppe "darf mal streicheln".

Diese Haltung erhöht verständlicherweise zusätzlich den Druck auf Menschen, deren Hunde eher Einzelgänger sind, nicht gerne "einfach so von Fremden" angefasst werden oder die schnell gestresst sind und überreagieren.

Natürlich möchte ich Verletzungen durch Hunde keinesfalls verharmlosen. Es ist wichtig die Verantwortung für ein Tier zu übernehmen, welches seine ca. 42 Zähne bereit ist effektiv einzusetzen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Es wäre fatal, die Augen vor dem potenziellen Risiko, welches von dem aggressiven Verhalten eines Hundes ausgeht, zu verschließen, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann von alleine bessert. Auch immer wieder Situationen aufzusuchen, in welchen der Hund Tendenzen zu aggressiven Verhaltensweisen zeigt, ohne diesen entsprechend zu sichern und vorbereitet zu sein, ist verantwortungslos.

Umgekehrt finde ich es aber ebenso wichtig, dass wir akzeptieren, dass Hunde niemals zu 100 % sicher und einschätzbar sein werden und vor allem, dass wir auch ihre Grenzen akzeptieren, während wir ihnen andererseits ebenfalls welche setzen. Sie sind Individuen wie Sie und ich. Mit eigenen Stimmungsschwankungen, hormonellen Veränderungen, Erfahrungen, Reizschwellen und Angstauslösern.

Was ist Aggression?

Anzeichen von Aggression

Anzeichen von Aggression können sehr deutlich sein, wie beispielsweise gezieltes Beißen, aber auch sehr -für den laien- subtil und kaum erkennbar. besser gesagt: verwechselbar mit vermeintlich harmlosen Verhaltensweisen. Zu den Anzeichen von Aggression gehören unter Anderem:

  • Fixieren
  • Drohbellen
  • Knurren
  • Schnappen
  • Beißen
  • Anspringen
  • steifer Gang
  • gesträubtes Nackenfell
  • hoch getragene Rute
  • Überrennen / Umrennen
  • erweitere Pupillen
  • geschlossener Fang

Natürlich bedeutet nicht jedes Anrempeln oder jede geschlossene Fang (als Fang bezeichnet man das Maul des Hundes) ein Anzeichen für Aggression. Unmittelbar vor einem offensiven Angriff ist der Fang des Hundes jedoch immer geschlossen. Beurteilen Sie eine Situation also immer kontextbezogen.

Beißen

Ein Hundebiss ist natürlich die deutlichste Ausdrucksform aggressiven Verhaltens. Beißen kann jedoch auch versehentlich passieren und ein Ausdruck unangemessenen Spielverhaltens sein. Auch aggressives Jagdverhalten bringt Beißen mit sich. Und das, was betroffenen Hundehaltern besonders schlaflose Nächte bereitet: Beißen durch Wut oder Angst bedingt.

Beißgrade

James O'Heare hat die Beißgrade von Hunden nach Schwere eingeteilt und diese mit menschlichem Verhalten verglichen. Ein interessanter Ansatz, um den Schweregrad eines Hundebisses einordnen zu können:

  1. Grad: Knurren, Zähne zeigen, Bellen, Fixieren, Schnappen, jedoch kein Beißkontakt.
    • Ist vergleichbar mit Streiten oder Drohen bei Menschen.
  2. Grad: Einzelner leichter Biss, kein Blut, Hund sabbert / speichelt.
    • Ist vergleichbar mit Stoßen oder Schubsen.
  3. Grad: Einzelner Biss mit 1 bis 4 Verletzungen ("Löchern"), die höchstens halb so tief gehen wie ein Hundezahn lang ist.
    • Vergleichbar mit einem körperlichen Angriff oder einem Schlag eines Menschen.
  4. Grad: Einzelner Biss mit 1 bis 4 Verletzungen, die tiefer gehen als die halbe Länge eines Hundezahnes. Beuteschütteln. Bei festen Bissen innerhalb von 2 Tagen blauer Fleck.
    • Vergleichbar mit einem menschlichen Angriff mit schwerer Körperverletzung.
  5. Grad: Mehrere Bisse, die tiefer gehen als die Hälfte der Länge eines Hundezahns. Beuteschütteln. Schwere Verletzungen.
    • Angriff mit schwerer Körperverletzung.
  6. Grad: Todesfall.
    • Angriff mit schwerer Körperverletzung und Todesfolge.

Aggressions-Kategorien

  • Angstbedingte Aggression
  • Kontrollbedingte Aggression
  • Territoriale Aggression
  • Ressourcenbedingte Aggression
  • Aggression von Muttertieren 
  • medizinisch bedingte Aggression
  • idiopathische Aggression ("Cockerwut")
  • aggressives Jagdverhalten
  • aggressives Spielen
  • aggressive Übersprungshandlungen
  • sexuell motivierte Aggression 

Was passiert im Gehirn?

Wird der Hund aggressiv, wird das Gehirn von Botenstoffen überflutet. Diese versetzen den Hund in Alarmbereitschaft und vermitteln ihm gleichzeitig "ein gutes Gefühl", so paradox dies auch klingen mag. Ähnlich einer Drogensucht (auch hier sind die Mechanismen vergleichbar), können Hunde nach dieser "Flutung" durch bestimmte Neurotransmitter sogar süchtig werden. 

Dies erklärt auch, weshalb jeder aggressive Zwischenfall wiederum aggressive Verhaltensweisen verstärkt, wie eine Art Belohnung. Deswegen ist es auch während des Trainings unglaublich wichtig, aggressive Zwischenfälle zu verhindern und der Grund, weshalb ich nicht mit Konfronationen arbeite, welche den Hund überfordern oder in unerwünschte Verhaltensweisen "provozieren", um diese dann zu korrigieren.

Auch der Einsatz von Strafe kann -besonders im Kontext aggressiven Verhaltens- zu einer Art "Kick" und Unempfindlichkeit führen, was den Effekt der Verstärkung der Aggression noch mehr verstärken würde.

Aggressivem Verhalten mit Strafe im klassischen Sinne zu begegnen ist also nicht nur ineffektiv sondern sogar kontraindiziert. Wenn irgendwie möglich sollte mit einem aggressiven Hund also jeweils nur so weit trainiert werden, wie er nicht in aggressives Verhalten übergeht.   

Wie Stress aggressives Verhalten beeinflusst

Stress kann dazu führen, dass die Reizschwelle für das Auslösen bestimmter Gefühle abgesenkt wird. So zum Beispiel für Angst, Frust und Wut. Deshalb sind gestresste Hunde (ähnlich wie Menschen auch) vermutlich wesentlich leichter reizbar und reagieren schneller aggressiv.

Deswegen sollte bei aggressivem Verhalten immer auch das Stresslevel des Hundes betrachtet und positiv beeinflusst werden.

Hundetraining & Tierheilpraxis

Kontakt

 

0176-3210 86 96

Hundeschule

An unseren üblichen Trainingsorten, bei Ihnen zu Hause, in Problembereichen, in der Praxis.

 

Guerilla Hunde- Training quer durch Frankfurt

Praxis

 Physiotherapie-Zentrum für Hunde 

Flinschstr. 51,

60388 Frankfurt am Main

Newsletter

Bleiben Sie informiert und erfahren Sie neue Termine immer zuerst: